Vorwort.
Bautzen, Synonym für Terror und Gewaltherrschaft im sozialistischen Nachkriegs-Deutschland, der sowjetischen Besatzungszone, der DDR, dem real existierenden Sozialismus.

Unzählige Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung verschwanden einfach spurlos, wurden am Arbeitsplatz, auf der Straße, im Restaurant, im Kino, aus den Wohnungen abgeholt, um ohne Angaben von Gründen verhaftet und von Militär-Tribunalen verurteilt zu werden. Niemand erfuhr, wohin diese Menschen gebracht wurden.

Der einzige Sinn dieses Terrors bestand darin, eine Atmosphäre von Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung zu erzeugen. Die Ungewißheit der Lebensexistenz zwang somit zu Kritiklosigkeit gegenüber der Besatzungsmacht und später auch der, durch diese Besatzungsmacht eingesetzten Regierung.

Manch einer wird fragen, wieso schreibt jemand so lange Zeit nach seiner Entlassung aus Bautzen, all diese Dinge nieder. Warum beschreiben gleich mehrere ehemalige Häftlinge ihre Erlebnisse und Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit.

Erst jetzt, nachdem das Sowjet-System zerfallen, der real existierende Sozialismus aufgehört hat, weder real noch existent zu sein, ist uns das Wort wiedergegeben worden. Im Zuge einer fragwürdigen Entspannungspolitik mußten die Opfer des Terrors schweigen. Erst jetzt wird uns nicht mehr der Mund verboten, erst jetzt können wir wieder reden, hört man uns wieder zu.

Nach meiner Entlassung im Januar 1954 hatte ich mehrere Anläufe getan, um zu Wort zu kommen, um meiner Zeugen-Pflicht Genüge zu tun. Aber da waren Mauern, die einzurennen unmöglich gemacht wurden. Unglaube, Vorbehalte rechtlicher und rechtstaatlicher Art, Verdacht der Völkerhetze und Verleumdung. waren noch die geringsten Widerstände.

Auf die Wühl- und Propagandatätigkeit von Ost-Agenten an meiner Arbeitsstelle hinweisend, verlor ich schließlich meinen Arbeitsplatz in einem großen, von Gewerkschaften beeinflussten Industriebetrieb. Im Rahmen der Entspannungspolitik war ich unbequem und lästig.

Nun wollen die Vertreter dieser "Entspannungs-Politik" auch noch den Zusammenbruch des sozialistischen Systems als einen Erfolg eben jener Politik werten. Das ist, als ob eine Bank, die eine bankrotte Firma mit immer neuen Krediten gestützt hat, die endgültige Pleite und die damit verbundenen Verluste als Erfolg werten wollte. Wenn diese Politiker, und allen voran die der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, dies heute lauthals von sich geben, wollen sie damit wohl nur von der Mitschuld an der Höhe des entstandenen Schadens ablenken. Mir scheint es wichtig, dies einmal in aller Deutlichkeit festzustellen, beginnen doch die gleichen Kräfte mit der Restaurierung des Sozialismus, als ob nicht die Geschichte eben erst, den historischen und verderblichen Irrtum von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Hitler, Honnecker und allen Anhängern und Verfechtern des Sozialismus bewiesen hätte. Wieviel Spielarten des Sozialismus es bisher auch gegeben hat, alle sind sie gescheitert, mußten scheitern weil diese Ideologie eine Irrlehre ist.

Dennoch wird schon wieder versucht, ein sozialistisches System auf deutschem Boden zu realisieren. Dieses deutlich zu machen und davor zu warnen ist das Vermächtnis all derer, die in den National-, Sowjet- und Real- Sozialistischen Gefängnissen gelitten haben und gestorben sind; und damit auch meine Pflicht.

Willi Schmitz
Bautzen - Vorposten der Freiheit
" s,ist Feierobnd, s,ist Feierobnd,
des Togwark i-is vollbracht ---- "
520 Sprossen bin ich auf Leitern von meinem Arbeitsplatz aufgestiegen. Nass bis auf die Haut, das Gesicht rußgeschwärzt, von der blakenden Flamme der Karbidlampe, an der die Brennerdüse fehlt. Die Frühschicht steigt aus, nur die Einfahrt geht per Förderkorb. Hungrig und hundemüde stehe ich am Schalter, gebe meine Blechmarke ab um meine Schicht zu quittieren und meine Zusatzmarken für Käse und Milch zu empfangen. Käse und Milch gibt es, wegen der radioaktiven Belastung.

"se missen nu nooch de Kommandantuur, eene Formalideed erledschen".

Hinter meinem Namen auf der Liste sehe ich ein Zeichen.

Seit drei Tagen arbeite ich hier, unter Tage im Erzbergbau in Oberschlema. Pechblende, Uranerz, der Grundstoff zur Herstellung von Atombomben, wird hier gefördert. Ein unscheinbares Material, das nach etlichen tausend Jahren zu Blei werden wird.
Überall sowjetische Wachtposten. Militärisches Sperrgebiet. Ein leichter Nieselregen weicht den grauen Schlamm auf, der die Straßen und Wege bedeckt. Von der Schönheit des Erzgebirges nicht eine Spur. Die Berge, die man hier sieht, sind aus Abraum aufgeschüttet, unbrauchbarer Gesteinsabfall, zu riesigen Halden aufgetürmt.

Heute ist Mittwoch, der 7.7.1948. Vor wenigen Tagen, am 20. Juni war in der Trizone die Währungsreform und vier Tage später wurde auch in der SBZ, der Sowjetischen-Besatzungs-Zone die Reichsmark ungültig. Wegen der Währungsreform wurde die Grenze total dicht gemacht. Bei meinem Versuch, die Zone in Richtung Westen zu verlassen, wurde ich von sowjetischen Grenzposten abgefangen und eingesperrt. Mein Geld war wertlos und als Alternative zu einer Bestrafung durch die Militäradministration, hatte ich nur die Dienstverpflichtung zum Uranbergbau.

Die Kommandantur, in jedem Ort, leicht am großen roten Sowjetstern, dem obligatorischen Bretterzaun ringsum und den bewaffneten Posten davor, zu erkennen. Ich melde mich bei einem der Posten, nicht ahnend, daß der Weg hinein eine Einbahnstraße ist.

Nach einigen " potschemu - potschemu", (warum, weshalb) landete ich in einem Büro, in dem sich ein russischer Offizier in Uniform mit grünen Achselklappen und ein Mann, ganz in Leder gekleidet befanden.

Der "Ledermann" schreit mich an: "setzen - was dein Name - wo zu Hause - was dein Auftrag?" Ich nenne meinen Namen, wo ich zu Hause bin und sage ihm, daß ich als Schlosser unter Tage arbeite.

Der "Lederne" scheint Dolmetscher zu sein, er spricht einen harten Dialekt mit starkem polnischem Einschlag.

"Aufstähän!!" er schreit mich an "was dein Auftrrag?!". Der Offizier hinter dem Schreibtisch steht auf, geht zum Fenster, ihn scheine ich nicht zu interessieren. Ich stehe auf, im selben Moment durchfährt mich der Schmerz wie ein Blitz. Der "Lederne" hat mir sein Knie zwischen die Beine gerammt. Vor Schmerz krümme ich mich zusammen, da wirft mich ein Schlag mit der Handkante ins Genick zu Boden. Für einen Moment verliere ich das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir komme, hänge ich, mehr als ich sitze auf einem Stuhl. Der Offizier sitzt vor mir, verkehrt herum auf einem Stuhl, die Arme auf der Rückenlehne. Er grinst mich an, "du amerikanski Spion, du sagen Wahrcheit, wenn sagen du Wahrcheit, du gehen nach Chause". Ich versuche zu erklären, wieso ich hier bin, daß ich kein Spion sei, aber er steht nur auf, stellt seinen Stuhl beiseite und nickt mit dem Kopf zum "Ledernen" und dann in meine Richtung.
"Aufstähään"!
Jetzt bin ich aber gewarnt, während ich aufstehe drehe ich mich etwas zur Seite, sein Knie trifft mich nun an der Leiste. Das schmerzt zwar auch, aber der Schlag ins Genick bleibt aus. Er stößt mich auf den Stuhl zurück. "schprechään!!!".

Wer meine Verbindungsleute wären, was ich ausspionieren soll und wohin meine Berichte gehen sollen. Lauter solche unsinnigen Fragen, auf die ich keine Antwort geben kann. Ich finde die Art der Fragestellung derart dumm und dämlich, daß ich den Verdacht habe, ich hätte es mit Irren zu tun.

Weil meine Antworten den "Ledernen" immer wütender und aggressiver machen, ziehe ich es dann vor, überhaupt nichts mehr zu sagen.

Nach weiteren Drohungen, Schlägen und Tritten komme ich schließlich in einem Raum ins Souterrain, fünf bis sechs Meter im Quadrat, zwei vergitterte Fenster mit Holzblenden von Außen als Sichtschutz. In der Mitte, fast den ganzen Raum füllend, eine Empore aus Holz, einen halben Meter hoch. Darauf lagern ca. 20 Figuren, die, wie ich, schmutzig und auch geradewegs aus dem Schacht hierher befohlen wurden. Von der Decke baumelt eine nackte Glühbirne, die mit ihrem schwachen Schein dieses Elendsbild mehr verbirgt als beleuchtet. Blasse, hagere Gesichter, große Augen, Erinnerung an die Kino-Pflichtbesuche nach Kriegsende, KZ, Auschwitz, Buchenwald. In den Augen, Angst und Mißtrauen, aber auch Neugier.

Meine Fragen werden erst einmal mit Gegenfragen beantwortet. Als ich genügend begutachtet und befragt bin, erfahre ich, daß wir uns in den Händen der NKWD, des berüchtigten Geheimdienstes der Sowjets befinden. Alle waren unter irgendeinem Vorwand zur "Erledigung" von Formalitäten in die Kommandantur bestellt worden. Hier erfuhr ich auch was die grüne Achselklappen bedeuteten. NKWD, die ehemalige GPU. Hier wieder herauszukommen sei unwahrscheinlich und wir würden bestimmt nach Sibirien verschleppt werden.

Vom Prinzip der sowjetischen Art der Machterhaltung und der drei Klassen im sowjetischen Machtbereich erfahre ich.

Da sind:

1. Diejenigen, die schon einmal gesessen haben,

2. Die, welche gerade eingesperrt sind.

3. Und solche die noch eingesperrt werden.

Da das Endziel des Kommunismus die klassenlose Gesellschaft ist, werden am Ende dann alle irgendwann, irgendwo, irgendweshalb, Sträflinge gewesen sein.

-"Sibirien, wir müssen die Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft ersetzen" raunt mir mein Nachbar ins Ohr. Ein stoischer Gleichmut überkommt mich, sollen sie mich doch nach Sibirien verfrachten - schisko jedno - einerlei. Schlechtere Arbeitsbedingungen als die, der letzten Tage, kann es doch überhaupt nicht geben. Ein Buch, das ich früher einmal gelesen habe fällt mir ein - "GPU - Grauen - Panik - Untergang". Aber darüber schweige ich hier lieber.

Am nächsten Morgen, es ist noch dunkel, werden wir, schwer bewacht, nach Schneeberg in ein Gefängnis gebracht.

In der Zelle sind wir mit sechs Mann, die auf zwei, dreilagigen Stockbetten die Nacht verbringen.

Meine Käse-und-Milchmarken tausche ich gegen ein Unterhemd ein, (mit Einwohnern), wie sich später herausstellen sollte. Noch in der folgenden Nacht werden wir in Gefängnis-Eisenbahnwaggons verladen und rollen nach Osten. Als der Zug einmal anhält, werfe ich durch das kleine, vergitterte, Fenster hoch oben im Waggon, eine kurze Mitteilung an meine Eltern. Ob wir auf einem Bahnhof oder auf freier Strecke hielten, konnte ich nicht feststellen.

Nach einigen Stunden Fahrt schon, heißt es dann wieder "dawei - dawei - jup twoia mat", weiter geht es mit einem LKW bis auf einen großen dunklen Hof. Wieder ein Gefängnis, hohe Gebäude mit vergitterten Fenstern und Sichtblenden vor den Fenstern. Bei der Ankunft werden wir durch schier endlos scheinende Gänge, treppauf, treppab, getrieben, immer "dawei - dawei" im Laufschritt, als ob wir orientierungslos gemacht werden sollten.

Schließlich wußten wir wirklich nicht, in welchem Stockwerk, in welchem Teil der Haftanstalt wir uns befanden. In der Zelle, in der wir schließlich landeten, waren die Gitterfenster mit Brettern von außen vernagelt.Eine schmutzige Glühlampe hoch oben an der Wand erzeugte durch ihren verstaubten Schein eine Art Katakombenstimmung, irgendwie zwischen venezianischer Bleikammer und Dantes Inferno.

Einige lose Matratzenteile mit verklumptem Seegras lagen in der Ecke am Boden. Ein schmaler Holztisch und eine Bank, beide an der Wand mit Scharnieren zum Herunterklappen befestigt. Neben der Tür ein Einmachkessel mit Deckel und ein Eimer mit Wasser. Aus dem Loch im Deckel des Einmachkessels, drang bestialischer Gestank, der eindeutig auf seinen Verwendungszweck hinwies. Über dem Klapptisch, an der Wand ein Regal. Darauf drei Löffel und drei Emaillebecher, mit einigen traurigen Resten von Emaille, einige Seifenreste und mehrere grauschwarze Papierblätter.

Dies sollte für die nächsten Wochen, für mich und zwei weitere Leidgenossen unsere Bleibe sein.
13.Juli 1948, zweiundzwanzig Uhr und vierzig Minuten, Zehntausend Minuten Haft, ein Jubiläum.
Wieso heißen runde Wiederkehrungen von traurigen Anlässen eigentlich auch Jubiläen, wobei zum jubeln doch wahrhaftig kein Anlass ist.

Wir, außer mir noch zwei andere Häftlinge, sind im Untersuchungsgefängnis in Dresden gelandet, wie wir durch den Haustelegrafen, die kalte Heizung, erfahren. Auch andere Nachrichten kommen auf diesem Wege in unsere Isolation. Vor allem werden wir vor besonders rabiaten und bösartigen Posten gewarnt. Alle haben einen bezeichnenden Spitznamen und sind deshalb sofort zu erkennen.

Meist sind es die asiatischen Typen und vor allem dann, wenn sie betrunken sind, und das ist eben leider fast immer. Neben der Türe, in einer Vertiefung in der Wand, ein Knopf, den man aber möglichst nicht drücken sollte. Damit könnte man den Wachtposten herbeirufen, aber nur um schließlich eine Tracht Prügel zu beziehen, wenn kein absolut dringender Fall vorliegen sollte, und ein absolut dringender Fall ist nur ein Todesfall.

Da wir seit Tagen keine Möglichkeit zum Waschen hatten, wuschen wir uns mit dem Wasser im Eimer. Daß dieses Wasser auch zum Trinken gedacht war, merkten wir erst, als wir nichts Anderes zum Trinken bekamen. Später nahmen wir vorher Wasser zum Trinken aus dem Eimer. Das Waschwasser brauchten wir dann noch zum Auffüllen der "Toilette".

Zum Baden , oder besser Duschen, kamen wir in den cirka sechs Wochen unserer Untersuchungshaft nur einmal. Dies hatten wir meinen Untermietern, aus dem, in Schneeberg erstandenen Unterhemd, zu verdanken. Als wir deren massiven Attacken nicht mehr Herr wurden, bekamen wir eine Entlausung verordnet. Wir kamen in die kalte Dusche und unsere Sachen in ein heißes Dampfbad, aber ehe wir dann andere Matratzenteile bekamen, durften wir einige Tage und Nächte auf dem nackten Fußboden sitzen oder liegen.

In der Zelle brannte Tag und Nacht das Licht. Daß es Tag war, merkten wir daran, daß es ab und zu etwas zu essen gab, die Posten durch den Spion lugten, mit dem Stiefel gegen die Tür donnerten und "nix schpietsch" brüllten. Schließlich gehörte der Schlafentzug ja zur Verhörmethode des NKDW.

An den Abenden hörte man von irgendwoher draußen Musik und Gesang.

-" Kalinka, Kalinka, Kalinka ma ja".

Der Gegensatz dieser Menschen in ihrer Kultur, in der Kunst und ihrem Handeln und Tun könnte größer nicht sein. Hier zeigt sich deutlich die Moral und Ethik zersetzende Wirkung der marxistisch-leninistischen Ideologie.
Die Grundlage jeder revolutionären Ideologie ist die Gewalt und deshalb so falsch und gefährlich.
Immer wieder werden wir bei den Vernehmungen als Faschisten, Reaktionäre und Imperialisten beschimpft. Ich denke , weil diese Bezeichnungen gerade auf sie selbst zutreffen.Nach dem Grundsatz, "haltet den Dieb" glauben sie, dann könnte niemand auf die Idee kommen, sie selbst dieser Eigenschaften, die sie scheinbar so sehr verachten, zu bezichtigen.

Geht man nämlich einmal auf die semantische Bedeutung des Wortes Faschismus zurück, wird dies verständlich. Faschismus kommt vom Wortstamm Faschinen und diese sind Geflechte aus Reisig und Zweigen zur Befestigung und Verstärkung von Deichen und Uferbefestigungen. Das Liktorenbündel im Wahrzeichen der italienischen und spanischen Faschisten machen diese Sinnverbindung deutlich.

Wenn dazu Wahlsprüche und Parolen wie, "Einigkeit macht stark", oder "Alle für Einen und Einer für Alle" einer näheren Betrachtung unterzogen werden, ist verständlich was gemeint ist; eine Gruppenbildung zum Zwecke der Machtergreifung und Machtausübung gegen die Allgemeinheit. Also die Diktatur einer Gruppe.

Was aber ist dann die aggressive, ultimative Forderung der Diktatur des Proletariats, der Kommunisten, der Sozialisten anders als Faschismus. Mit dem Vorwurf des Imperialismus ist es nicht anders.
Den Anspruch der Weltrevolution nicht Imperialismus zu nennen, ist doch Schizophrenie.
"Proletarier aller Länder
vereinigt Euch"!
Alle revolutionären Ideen gehen von der Gleichheit der Menschen aus. Tatsächlich gibt es nichts unterschiedlicheres als der Mensch. Schon allein seine Fingerabdrücke unterscheiden einen Menschen von allen Anderen. Ob es Größe, Aussehen, Hautfarbe, Körperbau oder sonstige äußerliche Merkmale sind, in allem wird man Unterschiede feststellen. Um wieviel mehr müssen es dann die geistigen, nicht sichtbaren Verschiedenheiten sein. Wie aber will man dann von Gleichheit sprechen, wie will man dann Gleichheit herstellen? Soll diese Gleichheit durch eine Nivellierung erreicht werden?

Das ist, als ob man allen großen Menschen die Beine kürzen, oder den Kopf abschlagen wollte, um sie den Kleineren gleich zu machen. Das Gleiche gilt doch schließlich auch für das geistige Niveau.
Soll etwa Primitivität die Norm des Menschseins sein ?
Wenn am späten Abend die Gesänge rauher und wilder wurden, wenn die hohen Falsett-Solostimmen schon mal umschlugen und das Kreischen der Mädchen immer lauter wurde, wußten wir, der Alkohol tat seine Wirkung und der eine oder andere Posten würde uns dies am nächsten Tag spüren lassen.

Bald darauf wurden dann auch Türen aufgeschlossen und die nächtlichen Verhöre begannen.

Tageslicht sahen wir nur, wenn wir, selten genug, im Schweinsgalopp durch die Gänge zum Rundgang auf einen kleinen Innenhof getrieben wurden. Dieser Hof, war etwa 12 mal 8 Meter, von hohen Mauern umgeben und mit Maschendraht überdacht.

Die einzige Betätigung, die der Posten tagsüber akzeptierte war das Schachspiel. Aus dem grau-schwarzen Toilettenpapier formten wir Schachfiguren. Die Weißen färbten wir mit etwas Kalk von der Wand. Das Schachbrett wurde mit einem zerbrochenen Hemdenknopf auf den Tisch geritzt. Nachdem die Posten sich überzeugt hatten, daß es sich wirklich um Schachspielen handelte, hatten wir Ruhe vor Ihnen. Schließlich hat das Schachspielen in der Sowjetunion einen hohen Stellenwert.

Das Problem war nur, den Kameraden das Spiel beizubringen. Als sie es schließlich konnten, verlor ich regelmäßig fast jedes Spiel, hatte ich Ihnen doch außer den Regeln, auch meine eigene Taktik beigebracht.

In der Türe war außer dem Spion noch eine Klappe. Durch diese Klappe wurde unsere "Verpflegung" hereingegeben. Diese kam unregelmäßig und bestand aus meist undefinierbaren, dünnen Wassersuppen, wobei eine Art Brotsuppe noch etwas ganz Besonderes war.

Nur sehr flink mußte man sein, bei der Entgegennahme, sonst flog einem alles ins Gesicht, wenn die Klappe mit lautem Knall wieder geschlossen wurde. Abwarten, ob der Kalfaktor auch drei Portionen hereingab, durfte man nicht, denn darauf konnte man sich nicht verlassen. Während das Öffnen des Spions nur ein leises schabendes Geräusch verursachte, wurde die Klappe immer mit lautem Riegelklacken betätigt.

Die Posten kontrollierten ständig unser Wachsein. Wenn das Auge am Spion erschien, mußten wir entweder in Bewegung sein, oder zur Türe sehen.

Darum dachten wir uns einen Trick aus, wie wir unseren fehlenden Schlaf nachholen könnten; "falsche Pupillen". Aus dem schwarzen Toilettenpapier rissen wir kleine runde Scheibchen aus, die wir mit Spucke auf unsere geschlossenen Augenlider klebten. Wenn dann unsere Matratzenteile in der Ecke so aufgestellt wurden, daß wir im Sitzen schlafen konnten, ohne umzufallen, funktionierte das ganz gut. Nur einmal wären wir beinahe aufgefallen. Plötzlich wurde die Türe aufgeschlossen , der Posten kam herein und brüllte: "potschemuu, potschemuu" warum, weshalb, wollte er wissen und kniff dabei immer ein Auge zu.

Zum Glück waren wir sofort beim ersten Geräusch des Schließens wachgeworden und konnten noch unsere falschen Pupillen entfernen, sonst wäre uns der Schlaf teuer zu stehen gekommen. Es war etwas passiert, womit wir nicht gerechnet hatten. Eine der falschen Pupillen war getrocknet und heruntergefallen, so daß der Posten annahm wir kniffen ihm ein Auge zu und wollten ihn veräppeln.

Immer um Mitternacht, einige Zeit nach dem Klingelzeichen, das die Erlaubnis zum Schlafen bedeutete, begann das Ratsch - Ratsch des Ausschließens und wir warteten darauf, zum Verhör geholt zu werden.

"Schemiits, dawei-dawei". Schemiits das war in der russischen Sprechweise mein Name.

Immer das gleiche Zeremoniell.

Verlesung der Anklageschrift, des bisherigen Vernehmungsprotokolls und hinzufügen weiterer Phantasie-Romanseiten. Und immer wieder Fragen nach Namen und Anschriften.

Zum Glück kannte ich niemanden, dessen sie hätten habhaft werden können.

Auch bei der NKWD mußte es ein Soll mit Sollerfüllung und Übererfüllung a la Stachanow gegeben haben. Kam man ihren Wünschen nicht nach, oder verweigerte man die Unterschrift unter die, in kyrillischer Schrift angefertigten „Dichtungen, gab es die "Papyrossi" oder das "Fußbad".

Bei der "Papyrossi" bekam man tatsächlich eine Zigarette angeboten, aber schon nach dem ersten oder zweiten Zug kam dann der Handkantenschlag ins Genick. In der darauf folgenden Phase der Benommenheit, die der Bewußtlosigkeit folgte, wurden dann die Unterschriften unter die neuen Protokollseiten verlangt.
Das "Fußbad" dagegen war eine besonders gefürchtete Angelegenheit.

Eine Zellentür wie alle anderen auch. Dahinter ein Raum, der etwa die Größe einer Besenkammer hatte, und zu dem man eine Stufe hinabsteigen mußte. Völlige Dunkelheit und am Fußboden, fünf Zentimeter hoch, eiskaltes Wasser.

Schuhe und Strümpfe mußte man vor dieser Mini-Zelle ausziehen und dann wurde man für einige Stunden in dieses Loch gesperrt. In der völligen Dunkelheit hatte man bald das Gefühl, das Wasser stiege immer höher. Durch anheben jeweils eines Beines wollte man die immer weiter kriechende Kälte stoppen. Aber spätestens nach drei bis vier Stunden im "Fußbad", saß jeder mit dem Hintern im kalten Wasser.

Zum Ende der "Arbeitszeit" unserer Vernehmungsoffiziere kam jeder dann wieder in seine Zelle. So sagte man sich nach einigen schlimmen Erfahrungen, was es schon ausmache, dieses Geschreibsel zu unterschreiben und quittierte brav Seite für Seite. Daß ich einige Male "Alles Scheiße" statt "Willi Schmitz" unterschrieb, war dabei dem Vernehmungsoffizier gleichgültig.

Das Ganze war auch nur zu verstehen, wenn man die dahinter stehende politische Forderung des Regimes, nach einer möglichst hohen Zahl von Inhaftierungen, zum Zweck der Einschüchterung des übrigen Teils der Bevölkerung sah, um jeden möglichen Widerstand im Keim zu ersticken.
Wir waren eben Geiseln eines, sich unsicher fühlenden Terrorregimes!
Es war schon, wie man mir in Oberschlema sagte: "Siehst du einmal die grünen Achselklappen, bist du auch schon verurteilt".

Nach sechs langen qualvollen Wochen, wurde ich erstmals tagsüber zur Vernehmung geholt. Ein Mann in Zivil fragte mich, ob denn meine Angaben in den Protokollen alle der Wahrheit entsprächen. Wenn das nicht die Wahrheit wäre, würde er den Fall an die erste Instanz zurückverweisen. Das hieße dann, zurück nach Oberschlema. Nur um das Ganze nicht noch einmal durchmachen zu müssen, bestätigte ich die Richtigkeit der Protokolle.

Danach wurde ich, eskortiert von zwei Muschkoten mit Maschinenpistolen, in einen, mit roten Fahnen behangenen Raum geführt. An einem, ebenfalls mit rotem Tuch bedeckten Tisch, saßen ein Offizier und zwei einfache Soldaten.

Mein Tribunalgericht.
Während der Verlesung der Protokolle in russischer Sprache, kauten die beiden Beisitzer Sonnenblumenkerne und spuckten die Schalen in der Gegend herum.

Nur zur Urteilsverkündung radebrechte der Tribunalvorsitzende in gebrochenem Deutsch: "nach Pachagraaf achtundfinfzich Absatz sechs Militäärchesetz dwazet pjet Let, finfundzwanzich Chare Arrbeitslagger".

Die beiden Posten, die mich dann wieder abführten, schlugen mir auf die Schulter "dwazet pjet ?! gutt Kamerad" und zeigten mit den Fingern 8 oder 9 und deuteten dann weit weg "dann nach chause".

Als Abgeurteilter war ich demnach wieder in die sozialistische Gemeinschaft aufgenommen, war also nach sozialistischem Verständnis wieder Mitglied der großen sozialistischen Völkerfamilie.

25 Jahre, das sind 9131 Tage.
Oder 219 144 Stunden.
Oder 13 Millionen Minuten.
Oder 788 Millionen Sekunden.
Zwei Tage später war wieder Transport. Wieder ging es mit Zellenwaggons der Reichsbahn auf die Reise. Diesmal waren die Gitterfensterchen so angebracht, daß wir, mit viel Mühe zwar, etwas von der Umgebung sehen konnten.

So wurden wir Zeuge, daß auf den Bahnsteigen der Bahnhöfe,die wir durchfuhren, russische Soldaten mit Maschinenpistolen aber sonst kein Mensch zu sehen war.

Wir mußten wohl ganz große Schwerverbrecher sein, daß man einen solchen Aufwand trieb.

Die große Frage war auch diesmal - Sibirien?
14.August 1948 10 Uhr vierzig
Einhunderttausend Minuten von dreizehn
Millionen Minuten.
Ende der Bahn-Fahrt schon nach kurzer Reise.

Umsteigen in LKWs mit einer neutralen Firmenbeschriftung.

Ein großes Tor in gelben Mauern.
Bautzen, Sonderlager 4 der sowjetischen Administration.
Eines hatten wir alle gemeinsam, eine Glatze. Gleich nach unserer Ankunft in Bautzen wurden wir ins Bad geführt. Dort mußten wir uns ganz ausziehen und unsere Sachen zu einem Bündel zusammenbinden.Dann saßen wir alle nackt auf Schemeln und mit handbetriebenen Haarschneidemaschinen, aus denen die Rückholfedern enfernt waren, wurden wir, mit beidhändiger Technik, ratzekahl geschoren.
Ich hatte mal einen Film gesehen, in dem ein Schafwettscheren veranstaltet wurde. Es fehlte nur noch, daß man uns auch auf den Rücken geworfen und mit den Schenkeln festgehalten hätte, wie die Schafe bei der Schur. Jedenfalls fühlten wir uns so.

Wenngleich auch die Einsicht in die hygienische Notwendigkeit einer Kahlschur, unter den Umständen in denen wir zusammengepfercht leben mußten, vorhanden war, so ist das Gefühl der Erniedrigung, der durch diese, sich immer wiederholende, Prozedur ergab, nicht zu beschreiben. So müssen sich eigentlich die Sklaven aller Zeiten gefühlt haben.

Unsere Kleiderbündel wurden zur Entlausung und Desinfektion in eine Dampfkammer gesteckt. Wir dagegen konnten endlich, nach cirka 10 Wochen, unter die Dusche. Wenn auch das Wasser fast kalt war und keine Seife zur Verfügung stand, war es, nach der langen Zeit, eine Wohltat.

Danach bekamen wir unsere, nun erst recht stinkenden Klamotten wieder und kamen in den Aufnahmesaal. Dort gab es nur leere, nackte Holzpritschen. Man muß halt von den Katzen richtig Liegen lernen, um auch auf hartem Holz schlafen zu können .

17.August 1948 sechszehn Uhr.
1000 Stunden Haft von 219 000 Stunden sind vorüber.
Vom Aufnahmesaal wurden wir nach einigen Tagen in den Zellenflügel verlegt. Einmeterfünfundneunzig mal Viermeterfünfundachtzig ist die Zelle. Ein dreistöckiges Holzbett und ein eisernes Klappbett an der Wand gegenüber. Viele angefangene, nie vollendete, Kalender an den Wänden, Sprüche, resignierend oder hoffnungsvoll, Schicksale in Kalk geritzt.

Ein Holzkübel mit Chlorbrühe und einem nicht dicht schließenden Deckel, darauf eine verrostete Emailleschüssel als Waschgelegenheit. Neben dem Kübel, eine verbeulte, rostige, ehemals wohl emailliert gewesene Kanne mit Wasser. Gemessen an den Verhältnissen der Untersuchungshaft, luxuriös.

An der Wand fest verschraubt, ein Tisch zum Herunterklappen, gegenüber hoch an der Wand, ein Regal, darauf 4 rotbraune Emaille-Blechnäpfe mit zwei Henkeln, 4 Stalin-Kellen (aus Holz geschnitzte und mit Lack überzogene Holzlöffel) und 3 Aluminiummeßbecher. Letztere dienten zum Portionieren der "Produkte". Produkte, wurden die täglichen Rationen an Fett, Zucker und Marmelade genannt.

Neben der Tür 4 kalte Heizungsrohre. Das Fenster, gegenüber der Tür ist hoch angebracht, der Fenstersims verläuft schräg nach unten, keine Möglichkeit sich hochzuziehen, um über die Holzverblendung hinweg einen Blick nach Draußen zu erhaschen.

Sieben senkrechte, zwei waagerechte, massive, eiserne Gitterstäbe.

Das Fenster, mit einer Holzblende als Sichtschutz versehen, läßt höchstens den Blick auf vorüberziehende Wolken frei.

In der Tür ein kleines rundes Loch, mit einer Klappe von außen verschlossen, der Spion. Neben der Tür der Notrufknopf zum Herausklappen einer Signalblechfahne. Aber auch hier, wird wie schon in Dresden, vor einer Benutzung eindringlich gewarnt. Von Zeit zu Zeit erscheint am Spion ein Auge. Manche Posten kommen lautlos wenn sie ihren Kontrollgang machen.

Das sind die Gefährlichen, wie wir festgestellt haben, sie wollen die Häftlinge bei irgendeiner verbotenen Tätigkeit überraschen und verboten ist schließlich alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, oder besser gesagt, erlaubt ist, was befohlen wird.

Über dem Klapptisch, in der Höhe der dritten Etage des Stockbettes, eine nackte 150 Watt Glühbirne an der Wand. Sobald es dämmert wird sie von außen eingeschaltet und brennt, bis es wieder Tag ist.

Durch Fingerschnippsen und leichtem Klopfen gegen die Glühbirne ist es uns zwar ein paarmal gelungen, den Glühfaden der Lampe zu zerstören, um einmal wieder im Dunkeln zu schlafen, aber zu allzu oft können wir dies, nach dem jeweiligen Aufstand, den die kaputte Birne auslöste, auch nicht wiederholen; schließlich leben wir in einer sozialistischen Mangelwirtschaft.

Vier Betten, vier Blechnäpfe samt Stalinkelle, vier Insassen.

Fritz unser Wiederkäuer aus Thüringen, Otto der Fallschirmspringer aus Berlin, Gerhard aus Mecklenburg und ich aus dem Westen.
Schuldig? Schuldig des Daseins, des Dagewesenseins.

Denn zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gewesen zu sein, ist die Schuld der Meisten, die hier im "gelben Elend" in Bautzen, oder in Sachsenhausen, Torgau, Hoheneck und wie die Lager alle heißen, zusammengetrieben und eingesperrt wurden.

Soldaten, die im Krieg, irgendwann, irgendwo, an der Ostfront eingesetzt waren - verurteilt zu lebenslänglich, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Allein das unerlaubte Betreten der Sowjetunion ist ein Verbrechen, das mit der höchsten Strafe geahndet wird.

Die Kinder, die beim Spielen im Wald Waffenteile gefunden und damit spielten - fünfundzwanzig Jahre, als angebliche Werwölfe.

Alle die im Westen beheimatet waren oder Verwandte und andere Kontakte dort hatten - Spionage, fünfundzwanzig Jahre.

Die Kinobesucher, die an den falschen Stellen lachten oder etwas Falsches sagten - fünfundzwanzig Jahre wegen antisowjetischer Propaganda.

Kinder waren und sind, die jetzt erst Fünfzehn-, Sechszehnjährigen, als man sie vor drei Jahren abholte, verurteilte und einsperrte.
Im Kreuzbau, Krankenrevier, Haus Zwei, Haus Drei, Außen- und Innenbaracken warten etwa 8000 Menschen auf etwas Unbestimmtes, Unbestimmbares, Unbekanntes, auf Morgen, Übermorgen, den nächsten Monat, das nächste Jahr, auf das Nichts.

Die Zeit - - -. Die Eintönigkeit der Stunden läßt die Tage, Wochen, Monate und Jahre verfliegen.

Nichts ist relativer als die Zeit.

Je langweiliger der kleine Zeitabschnitt umso kürzer erscheint die vergangene Zeit.

Der Zug der Zeit hat eben keine Stationen der Erinnerung. Es ist wie auf einer Reise, viele Stationen machen die Reisezeit in der Rückschau länger, viele Erinnerungen sind viele Haltpunkte für den Geist.

Die Eintönigkeit der Tage läßt die Monate und Jahre in die Vergessenheit versinken.

Unser Tagesablauf ist fast immer gleich, so kann man die Tage nicht mehr unterscheiden.

Jeden Morgen, das Klingelzeichen. Aufstehen, Waschen, Anziehen, Zählappell. Kübeln "dawei dawei" im Laufschritt; in der einen Hand den Holzkübel mit den kümmerlichen Resten unserer Verdauung, in der Anderen die Wasserkanne, bis zum Ende des Ganges gerannt, auskippen, neue Chlorbrühe in den Kübel und Wasser in die Kanne und zurück -dawei - dawei. Wer nicht schnell genug läuft, bekommt den "Kosakenkuss", auf gut deutsch, einen Tritt in den Hintern. Es ist gar nicht so einfach, mit einem Kübel, dessen Henkel nicht mehr sicher befestigt ist und einer vollen Wasserkanne den engen Gang entlang zu rennen.

Auf der anderen Seite, getrennt durch den Lichtschacht und den eisernen Treppen des Aufgangs, rennt ebenfalls ein Kamerad im Schweinsgalopp zum Kübeln.

Nur nicht hinüberschauen, der Posten könnte dies übel nehmen.
Nach dieser frühsportlichen Leistung kommt die erste Wartezeit des Tages.

Poltern und Rufen im Treppenhaus und auf den Gängen kündigen das Frühstück an. Die Träger kommen mit den Essenskübeln, runde Holztröge, die an Stangen von je zwei Häftlingen aus der Küche herüber getragen werden.

Ein halber Liter für jeden, abgemessen vom Kalfaktor mit der Schöpfkelle und mit einem Streichbrett auf exaktes Maß gebracht, (damit die dünne Suppe nur keinen Berg bildet). Graupen in Salzwasser.

Mit geübtem Schwung beschreibt der Kalfaktor mit der Kelle eine schräge Acht durch die Suppe. Klatsch - klatsch - klatsch -klatsch.
Ratsch - ratsch. Die Türe ist wieder zu, wir sind wieder unter uns. Fritz und Gerd sitzen auf dem Klappbett, Otto und ich auf dem unteren Stockbett.

Vorsichtig wird die blaue, salzige, heiße Brühe abgelöffelt und mit Spannung das Ergebnis der Graupenzählung erwartet. Wer hat heute wohl die meisten Kälberzähne im Napf. Tagessieger ist diesmal Fritz mit 22 Stück, ein Rekord, der Durchschnitt ist 13 Graupen im Napf.

Nächste Wartezeit -

Ob heute Rundgang sein wird? Sicher ist das nie.

Ist die Wachmannschaft sich darüber einig, daß das Wetter zu schlecht ist, oder sind sie der Meinung, die Gefangenen hätten es nicht verdient, oder war der gestrige Tag zu anstrengend (Wodka stemmen), fällt der Rundgang aus.

Rundgang, das heißt Arm in Arm eingehängt, schweigend, Viererreihen im Abstand von 6 Metern, immer linksherum um die Rübenmieten zwischen Westflügel, Küche und Saalflügel.

Zwanzig Minuten nach der Postenuhr (gestohlene Uhren gehen wohl immer falsch),"ungesiebte" Luft atmen und den Blick einmal weiter als Viermeterfünfundachtzig schweifen zu lassen.
Die Begrenzung des Blickfeldes ist es, die das Bewußtsein des

Eingesperrtseins in der Zelle verschärft. Sonst könnte man die Haftanstalten der Sowjetischen Besatzungszone als die eigentlichen Stätten der freien Menschen ansehen, die den Schutz vor der Unfreiheit ringsum, durch Mauern, Gitter, Stacheldraht und Wachtürme in Anspruch nehmen dürfen.

Draußen bleiben schließlich am Ende nur diejenigen, die die Unfreiheit als etwas Unvermeidliches akzeptieren können oder wollen.
Hier ist die Front des kalten Krieges.
Hier ist ein Vorposten im Kampf um die Freiheit aller Menschen.
Wir sind die Kriegsgefangenen, die Geiseln des kalten Krieges.
Ein Krieg, der fälschlicherweise oftmals als Ost-West-Konflikt bezeichnet wird, der aber in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung der Ideologien ist.

Eine innere Zerissenheit der Menschen, ein Zwiespalt der Gefühle und des materiellen Seins. Die Fronten sind überall auf der ganzen Welt und selbst in uns, in unseren Gedanken , unseren Herzen, Wünschen und Träumen.
Die Tatsache aber, daß ein Regime nur existieren kann, indem es die Freiheit der Menschen bedroht und nimmt, ist Beweis für das Unrecht und die Unrechtmäßigkeit dieses Systems.
Unsere Waffen sind der Wille und die Unbeugsamkeit gegen Terror und Lüge. Wir sind die Belastungszeugen in einem Verfahren um Recht und Unrecht, um Freiheit und Unfreiheit. Wir sind die Beweise von Terror und Verfolgung, Beweise der Verletzung der menschlichen Grundrechte um niedriger Macht- und Herrschaftsansprüche willen.

Verfolgung, Verhaftung, Verhöre, Verurteilung, all dies liegt hinter uns, bedrohen uns nicht mehr. Was uns bedroht, ist die Brutalität, die Bosheit der, durch die menschenverachtende Ideologie des Sozialismus verirrten Menschen . Aber das ist schließlich Draußen auch nicht anders.

Nach dem Schweigeschlurfen und dem Einrücken über die Stufen der Eisentreppen in die dritte Etage, beginnt das Warten auf die Mittagsuppe.

Das Eisenbett ist hochgeklappt, ebenso der Tisch. Nun wird der Rundgang in der Zelle fortgesetzt. Jetzt allerdings kann gesprochen werden und so wird alles, was an neuen Eindrücken gewonnen wurde, diskutiert. Acht Augen sehen eben mehr als zwei.

Dann beginnt der Haustelegraf zu tackern. Die Heizungsrohre haben hier nur einen einzigen Zweck, den der Nachrichtenübermittlung. Da nicht jeder das Morsen beherrschen kann, wird ein Zählcode verwendet, 1mal = a, zweimal = b, dreimal = c und so weiter. Das ist zwar mühsam und zeitraubend, aber Zeit ist etwas was hier nicht zählt.

Was überhaupt bedeutet Zeit? Zeit kann kurz oder lang sein, sie kann verfliegen, stehenbleiben oder vorübergehen.

Man kann mit der Zeit gehen, ihr vorauseilen, sie überholen, in ihr leben oder außerhalb der Zeit sein.

Man kann sie vergessen oder sich ihrer bewußt sein, sie teilen und - sie kann heilen.

Sie kann schön und lustig, aber auch traurig und häßlich sein.

Manchmal hat man zuviel und auch wiederum zu wenig Zeit.

Dinge können zeitlos oder zeitgemäß sein.

Selbst Farben kennt die Zeit, man nennt sie rosig und golden, schwarz oder düster.

Es gibt die Kinder-, Jugend-, Frühlings- Sommer- Herbst- und Winter- Zeit.

Festzeiten und Zeiten der Trauer.

Kurzum, es gibt keine Zeit, die man nicht mit dem Leben und Erleben in einen Zusammenhang bringt.

Zeit ist kostbar, Zeit ist Geld.

Zeit kann man sparen oder verschwenden.

Sie kann Alles oder Nichts sein.

Zeit ist teilbar in Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Selbst die kleinste Einheit ist immer noch teilbar, obwohl die größte Einheit, die Unendlichkeit, keine teilbare Größe ist.

Sie ist relativ wie nichts Anderes. Für ein Menschenleben sind hundert Jahre viel, für die Menschheitsgeschichte sind sie wie eine Stunde, für die Entwicklungs-geschichte der Erde eine Minute, für die des Alls nicht einmal eine Sekunde.

Wiederum sind millionstel Bruchteile von Sekunden entscheidend für die Farbe des Lichts, für Kälte und Wärme.

Wird die Zeit, in der Materieteilchen schwingen, noch kürzer, entscheidet sie über Leben und Tod biologischen Lebens und vermag sogar in dessen Entwicklung einzugreifen und Erbfaktoren zu verändern.

Was bedeuten da schon die Bauklötze von Zeit, die wir zu stapeln haben. Schlagen wir die Zeit tot, oder tötet Sie uns?

Aber was fängt man mit Wartezeit an. Auf einem Abstellgleis des Lebens. Nicht wissend, wann denn der Zug weiterfährt und wohin die Reise gehen wird und ob überhaupt.
Sollte dies schon die Endstation sein?
Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.

Seltsame Blüten treibt der menschliche Geist in dieser Abgeschlossenheit. Von den Essensgewohnheiten derer, die man die "Krümelkacker" nennt, bis zu den verstiegensten Denkmodellen.

Was, wenn nicht Gott die Welt erschaffen, sondern der Teufel, um den Menschen aus seinem Paradies zu locken und zu verführen.

Dann ist Gottes Reich, das Paradies, eine rein geistige Welt, in der es keinen Körper gibt, nur Wesen.-

Und dann die schon so oft kolportierte Idee von einer Welt, die eine Hohlkugel ist, in deren Mitte die Erde schwebt.

Überhaupt die Sache mit dem "was wäre wenn".

Alle die entscheidenden Punkte in der Geschichte und im Leben des Einzelnen. Schicksalsentscheidend zum Besseren oder zum Schlechteren. Nie kann man sicher sein, was geworden wäre, wenn ein bestimmtes Ereignis anders und nicht so, stattgefunden hätte.

Was, wenn Lenin nicht freies Geleit nach Russland bekommen hätte. Hätte es keine Oktoberrevolution gegeben?

Viele Ereignisse, die französische Revolution, der Fenstersturz in Prag, die Schlacht im Teutoburger Wald, das brennende Rom, Karthago, Waterloo, die Kreuzigung Christi, Sarajewo, das Versagen der Weimarer Republik, lassen sich unter diesem Aspekt betrachten und geben Anlass zu unzähligen Spekulationen.

Eine interessante Theorie ist die Hypothese, die Idee des Sozialismus wäre nicht geboren. Marx und Engels, die Jakobiner, Hegel und all die Philosophen der Gleichheitsideen hätte es nicht gegeben.

Die industrielle Entwicklung wäre ungestört verlaufen. Arbeits- und Verteilungskämpfe hätten nicht stattgefunden und die ungeheuere freie Entwicklung der Produktivität hätte einen größeren Markt verlangt. Eine breitere Verteilung der Werte wäre dann die marktwirtschaftliche Zwangsläufigkeit .

So gesehen, haben die Gewerkschaften und die gewerkschaftlichen Aktivitäten nicht zum Wohl der Schaffenden und der Allgemeinheit beigetragen, sondern im Gegenteil, eine natürliche Entwicklung behindert, indem sie durch ständige Kampfmaßnahmen und durch ihre Wirtschaftsfeindlichkeit unnötige Verluste der Volkswirtschaft produzierte.

Ein Miteinander statt Gegeneinander hätte sicherlich für Alle ein Mehr erbracht.

Kriege und Kämpfe haben immer nur Trümmer und Tränen hinterlassen.

Es verwundert doch sehr, wenn die gleichen Leute, die immer und immer wieder lauthals ihre Friedensliebe beteuern und wie eine Fahne vor sich hertragen, zum Arbeits- und Klassenkampf aufrufen.

Die Theorien von Marx und Engels sind dabei die ideologische Grundlage.

Aber, so falsch ihre Thesen sind, so verheerend sind die Folgen. Sozialismus in seiner realen Form ist eben doch nur eine Form der Ausbeutung des Menschen und ein Mißbrauch von Macht, ist eben auch nur reiner Faschismus.

Wenn die Ausbeutung in sogenannten kapitalistischen Systemen, im wesentlichen Umfang, zu neuen Investitionen, zur Steigerung der Produktivität und damit zu einem besseren Wirtschaftsergebnis und einem höheren allgemeinen Wohlstand führt, bleiben im realen Sozialismus die Produktionsmittel auf einem einmal bestehenden Standard und Steigerungen der Produktivität gehen allein zu Lasten der Schaffenden.

Da es im realen Sozialismus auch keinen Wettbewerb der Produkte geben kann; da der Maßstab für den Wert der Produkte die Arbeit ist; ist auch kein Anlaß für bessere Verfahren gegeben.

Der dialektische Materialismus gibt dem menschlichen Geist eben nur die Funktion eines Überbaus, dem als Grundlage und Fundament die Bedürfnisse des Menschen vorangehen. Diese Umkehrung der Werte ist schließlich der Kardinalfehler des Sozialismus.

Diese Ideologie läßt dem Menschen sein höheres Wesen vergessen. Die Lehrsätze des Marxismus sind somit die moralische Begründung der Rechtfertigung von Gewalt, Diebstahl und Raub. Wen wundert dann noch, daß, wenn dieses Prinzip Staatsmacht erlangt, Unrecht von Staats wegen praktiziert wird.

Soziales Denken und Handeln kann keine Forderung des Schwächeren sein, sondern muß aus der Verantwortung des Stärkeren, aus der menschlichen, moralischen Gemeinsamkeit entstehen.

Das krampfhafte Festhalten am Besitzstand ist letzlich nur eine Folge der ständigen Angriffe auf Diesen.

Eigentlich müßten doch die Sozialisten aller Länder, unter Brücken, in bitterster Armut leben, solange es noch einen Menschen gibt, der weniger besitzt, als sie ihr Eigen nennen. Aber gerade umgekehrt denkt der Sozialist, er fühlt sich solange benachteiligt, wie es noch Einen gibt, der mehr besitzt als er selbst.

Das Wort sozial hat mit dem Wortstamm Sozius zu tun und daher sollte man es auch verstehen. Sozius = Partner, Teilhaber.

Gemeinschaft kann niemals nur die Gemeinschaft einer Gruppe, einer Klasse sein, sondern umfasst alle Menschen.

Wenn Gruppen Gemeinschaften bilden, so sind diese "Gemeinschaften" immer als Macht- und Gewaltinstrument gegen Andere zu verstehen.

Sozialismus trägt wie alle Ismen das Kainszeichen der Gewalt und des Bruderhasses. Wie die Silbe "mus" oder besser ausgedrückt "muß", beinhalten alle Ismen den Zwang und die Gewalt.

Wen wundert da noch das Ergebnis, der "real existierende Sozialismus!"

Über den "Haus-Telegrafen" kommen die "Parolen", abenteuerliche Geschichten von Fallschirmjägereinheiten und Panzerspitzen bei Dresden , von langen Amnestiertenlisten in der Verwaltung.

Wenn die Essensträger wieder mit den Kübeln poltern und den Tragestangen klappern, beginnt das Rätselraten um die heutige Farbe der Suppe. -
Schwarz - Weiß - Rot ?
Das ist die einzige Abwechslung im Speiseplan. Schwarz ist die Suppe, wenn die Rüben schon faulen.

Weiß sind die Rüben aus der Mitte der Mieten und Rot bedeutet Runkelrüben, Viehfutter war dann das Grundmaterial. Aber der ständige Hunger verleugnet jeden Widerwillen, jeden Ekel.

Kartoffelstückchen sind Fundsachen und Fleischfasern werden einzeln registriert und gezählt.

Mit der schwungvollen Acht geschlagen und dem Abstreifholz mit Effeet reduziert, (schließlich wollen die Kalfakter für sich und ihre Spezies eine Extraration), landet der dreiviertel Liter (Fragezeichen) schließlich in der Blechschüssel.

Auf dem unteren Stockbett und dem Klappbett sitzend, löffeln wir mit der Stalinkelle, einem aus Holz geschnitzten, bunt bemalten und mit farblosem Lack überzogenen Löffel, unsere Suppe. Heiß ist sie ja, die Suppe, eigentlich viel zu heiß, aber der Hunger kann nicht warten.
Beim Rundgang auf dem Hof, wird der Weg genauestens kontrolliert. Jedes Metallstückchen, jede Glasscherbe, ja sogar Steine sind begehrte Funde beim Rundgang, bedeuten sie doch Rohmaterial oder Werkzeug zur Produktion von Hilfsmitteln, wie Nähnadeln oder Schreibwerkzeugen.

Bis allerdings aus einem krummen Nagel oder einem Stückchen Draht eine Nähnadel wird, vergehen einige Wochen.

Mit viel Mühe, Ausdauer und Angst, muß zuerst das Metall mit Steinen und Wasser bis auf Nadelstärke bearbeitet werden. Das Öhr dagegen wird mit einer kleinen Glasscherbe geschabt und braucht daher die meiste Zeit.

Da dieses jedoch zu den streng verbotenen Dingen gehört, muß diese Tätigkeit im toten Blickwinkel hinter dem Stockbett und mit größter Wachsamkeit vor plötzlichen Kontrollen geschehen.

Das größte Problem ist allerdings der Besitz einer solchen Nadel. Ständige Kontrollen und Zellenfilzungen machen den Besitz unsicher, ja gefährlich, kann eine Zeit im Karzer doch den Tod bedeuten. Zwei oder gar drei Wochen unter den Bedingungen im verschärften Arrest sind für die ausgemergelten Körper meist nicht zu überstehen .

Nach dem Essen sollte man vielleicht etwas ruhen, aber die Hausordnung und die Posten lassen dies nicht zu. - "nix schpietsch"-

Also Bett und Tisch wieder hochgeklappt und fünf Schritte hin - kehrt - fünf Schritte zurück. Im Gänsemarsch wandern wir in der Zelle. In den Kehren wird es immer etwas eng und im Gegenverkehr muß man im Bereich der Türe, etwas schräg gehen.

Die Wartezeit Nummer Drei des Tages beginnt.

Das Ereignis jeden Tages ist die Ausgabe der "Produkte" und des Brotes. Produkte sind: Fett, Zucker und Marmelade. Diese werden im Wechsel für jeweils drei Tage ausgegeben. Pro Tag beträgt die Ration zehn Gramm Fett, zwanzig Gramm Zucker und dreißig Gramm Marmelade pro Häftling. Es werden also entweder einhundertzwanzig Gramm Fett, zweihundertvierzig Gramm Zucker oder dreihundertsechzig Gramm Marmelade in eine unserer Ess-Schüsseln geklatscht, die wir dann mit den Meßbechern teilen müssen.

Das Brot kommt als ganzes Brot, mit einem Kreuzschnitt in vier Kuhlen geteilt, herein.- Ob sich die Kommunisten als Atheisten bewußt sind, daß dies ein christlicher Brauch ist ? Oder hätten sie noch lieber das orthodoxe Doppelkreuz in das kleine Brot geschnitten.

Die Reihenfolge der ersten Wahl sowie das Teilen der Produkte ist einer strengen Reihenfolge unterzogen. Jeden Tag wechselt die Reihenfolge der Kuhlenwahl und des Produktenteilers. Anfangs werden noch andere Regeln ausprobiert.Alle Produkte reihum ungeteilt und auch mal alle vier Tage ein Anderer das ganze Brot, aber das wird bald wieder aufgegeben, der Hunger wird nur noch schlimmer und was ist, wenn plötzlich einer verlegt wird.

Dreihundert Gramm soll die Kuhle wiegen, aber das ist nur bedingt der Fall. Klebba sagen die Russen zum Brot und diesem Namen wird unser Brot gerecht. Wenn man es an die Wand werfen würde, blieb es sicher kleben.

Von den dreihundert ?? Gramm ist das Meiste Wasser und trotzdem meinen wir, nie etwas Köstlicheres gegessen zu haben. Meist verschwindet alles, wie es kommt, in unseren Mägen, Produkte für sich (außer Fett), dann Brot und zum Schluß der "Kaffee".

Der Kaffee, oder als was man die heiße Lorche, mit dem undefinierbaren Bodensatz, sonst bezeichnen will, wird später ausgegeben, weil der Blechnapf für die Produkte gebraucht wurde.

Das Fett, ein synthetisches Produkt der Leunawerke, hat die Konsistenz von Gänseschmalz, ist von weißer Farbe und schmeckt wie Wagenschmiere. Aber wir essen es mit dem Brot, in der Hoffnung daß wir es verdauen und überhaupt stopfen wir uns sogar den Kaffesatz hinein, obwohl der nur aus gerösteten verfaulten Rübenabfällen zu bestehen scheint.

Nach dem Kaffee kommt der Abend, der mit dem Einschalten des Lichts beginnt. Etwas später ist dann der Zählappell und schließlich - das Klingelzeichen, wir dürfen uns in die Waagerechte begeben.

Der Abend ist Kinozeit. Jeder muss eine Geschichte erzählen oder einen Film, den er gesehen hat, nacherzählen. Mit der Zeit ist jeder Film, jede Geschichte zigmal und in immer neuen Varianten vorgetragen worden, jede Änderung wird sofort korrigiert und berichtigt und mittlerweile weiß keiner mehr so genau, welche Story nun die Seine war.

Eine kalte Zeit, keine Heizung und wir besitzen, in der Sommerkleidung verhaftet, keine Decken und keine Wäsche zum Wechseln. Abends lösen wir die Naht am Kopfende des Strohsacks und kriechen hinein ins Stroh. Unsere Oberbekleidung legen wir obendrauf, damit der Posten nichts merkt, wenn er uns durchs Guckloch kontrolliert, aber auch, damit wir es etwas wärmer haben.

Dafür müssen wir aber morgens früh raus, alles Stroh sorgfältig zurückstopfen und die Naht mit einem Holzspan wieder zunähen. Dabei muß immer einer den Spion in der Türe verdecken, um nicht erwischt zu werden. Zum Glück ist der Sackstoff des Strohsacks sehr grob, so genügt ein Holzspan zum Zunähen.

Im November 1948 bekommen wir endlich eine Wolldecke, zwei Paar Fußlappen, ein Handtuch und Unterwäsche zum Wechseln. Dieser Bestand wird in eine Liste eingetragen und von Zeit zu Zeit auch kontrolliert.

Die Nächte sind durch unruhige Halbschlafphasen geprägt. Immer wieder die gleichen Träume. Ich bin an Orten der Vergangenheit, weiß aber daß es ein Traum ist, erwache im Traum zu einem neuen Traum. Dies geht immer so weiter, bis zum Erwachen in der Wirklichkeit der Zelle.

Traum der Freiheit.

Ich hatte einen Traum;
einen Traum hinter gelben Mauern,
unter Stacheldraht und Türmen,
beim stummen Rundgang auf dem Hof;
hinter Gittern und verblendetem Fenster
nur ein winziger Ausschnitt Himmel,
ausgesetzt der Willkür,
dem Hass, der Verblendung,
gepeinigt, ausgehungert,
hoffnungslos krank an Leib und Seele.
Und doch war da immer die Hoffnung,
die Sehnsucht,
der Traum von der Freiheit.
Nun sind die Mauern gebrochen,
die Türme gefallen die Gewalt gewichen.
Was bleibt ist die Angst,
die Angst ohne Hoffnung,
vor dem ungewohnten Dunkel der Nacht,
die Angst vor dem Schlaf,
die Angst nur zu träumen.
Die Angst vor dem letzten Erwachen
Zwischendurch auch Alpträume aus der Zeit der Untersuchungshaft in Dresden, vermischt mit Schilderungen aus dem Mittelalter, Hexenjagd, Autodafie, Grausamkeiten, Folterungen.

Die Wahllosigkeit des Terrors dem wir ausgesetzt sind, hat etwas von der Sinnlosigkeit und der beschränkten Geisteshaltung, sowie der Hysterie der Autodafie, der Hexenverfolgung im Mittelalter.

Durch den Haustelegrafen erfahren wir von Geschichten, daß russische Posten, nur so zum Spass, nachts in die Zellen kommen um die Häftlinge zu verprügeln. Nun haben einige herausgefunden, daß man sich wehren muß, um nicht totgeschlagen zu werden. Nur brutales Zurückschlagen bringt die Muschkoten dazu aufzuhören, ja sogar freundlich zu werden.

Rätsel der russischen Seele? Da die meisten der Posten asiatische Züge tragen, kann es auch ein asiatischer Wesenszug sein.

Wenn ich darüber nachdenke, ist die Reaktion der Posten bei einer Gegenwehr gar nicht so exotisch, eher ist sie ausgesprochen infantil. Ist es auf unseren Schulhöfen, unter Kindern denn nicht genauso? Die Schwachen, die sich nicht wehren, bekommen immer die Prügel, sind eben Prügelknaben. Vielleicht ist es im Zusammenleben der Völker genauso. Die Menschheit ist eben, noch lange nicht erwachsen.

Nach so einem Match, bekommen die Gefangenen dann Machorka und rauchen gemeinsam mit den Posten die selbstgedrehten Zigaretten; (Machorka in der Prawda). Zum Glück hatten wir dieses "Glück" bisher nicht. Bei unserer körperlichen Verfassung könnte nichts Gutes für uns dabei herausschauen und als Nichtraucher könnte ich dem Machorka, Sorte Drei, (vorwiegend Stengel), auch nichts abgewinnen.
8.Oktober 1948.
Der hundertste Tag von neuntausend einhundert
einunddreißig Tagen.
Otto, der Älteste, 28 Jahre, war als Fallschirmjäger im Krieg, wovon noch seine Stiefel und seine Geschichten übrig geblieben sind. Er stammt aus Berlin, obwohl wir von der Stadt Berlin durch ihn nichts vermittelt bekommen, außer der Berliner-sprachlichen Eigenart vielleicht. "- Ike - Ike". Umso mehr hören wir immer wieder Einzelheiten über Mussolinis Befreiung durch Skorzeni. Aber wir glauben ihm nicht, daß er wirklich dabei war.

Eigentlich müßte er, als Ältester, so etwas wie eine Führungsrolle haben, aber so etwas gibt es in unserer Zelle überhaupt nicht. In anderen Zellen sollen sich deshalb schon die fürchterlichsten Dinge abgespielt haben.

Sei es, daß wir noch vor kurzer Zeit in der Untersuchungshaft einem stärkeren Druck ausgesetzt waren, sei es, daß die Situation keine Entscheidungen von uns fordert, keiner strebt die Stellung eines Oberhauptes an. Dem Naturell nach wäre Gerhard, der Zweitälteste, eher der Typ.

Er ist 20 Jahre alt, untersetzt und wäre, wenn er noch Haare hätte, rothaarig. Mit den wässrigen hellblauen Augen wirkt er ein bischen verschlagen, aber in unserer kleinen Gemeinschaft gibt es wenig Gelegenheit für Intrigen.

Fritz ist ein Jahr älter als ich, also 19, aber er ist noch ein rechtes Kind. Er stammt aus Thüringen, aus Sonneberg und muß auch in seiner Kindheit nicht viel Gutes erlebt haben.

Ein wenig skrufolös, macht er den Eindruck eines Waisenkindes, das sich verlaufen hat. Seine Angewohnheit, das Essen immer wieder hochzuwürgen und widerzukäuen, bringt uns fast zur Verzweiflung.

Mit gerade 18 Jahren war ich da der Jüngste im Bunde. Meine halbmilitärische Kleidung, - ich trug bei meiner Verhaftung eine Marinehose, die meine Mutter aus einem Luftwaffen Mantel selbst geschneidert hatte und eine schwarz gefärbte Tommy-Bluse, verschaffte mir etwas Respekt, - nein Respekt kann man das nicht nennen. Eher erwartete man von mir, ich müßte doch von geheimen, militärischen Befreiungsunternehmungen durch die Westmächte wissen, oder hätte mehr Überblick über solche Möglichkeiten.

Der Umstand, daß ich bei den Erzähl-Abenden, den Anderen noch unbekannte Filme beisteuern konnte, tat sein Übriges.

Im Dezember ist wieder eine große Verlegeaktion und wir kommen auf Saal 3 im Saalflügel.
Essenausgabe Saal 3
" I am - you are - he, she, it, is " - Englisch - Französisch - Okulieren - Faustrezitation -italienische Oper - Kant - Hegel - Mathematik - Physik - Algebra - Kochrezepte - Backrezepte und immer wieder Koch- und Backrezepte.

Alle diese und viele andere Themen hört man im Vorübergehen, aus den Kojen der je vier Blöcke, zu beiden Seiten des Mittelgangs im Saal 3, einem der acht Säle, im Saalflügel des Bautzener Kreuzbaues.
Wie eine Raupe kriecht eine, nicht endenwollende Zweierformation, den Mittelgang hinauf und herunter.

Aus jeder Koje der unteren Ebene ein anderes Thema.

Durch das ständige Summen verhaltener Stimmen, der mehr als vierhundert Insassen des Saales, sind die selbsternannten Dozenten und ihre Themen nur beim direkten Passieren der Boxen zu vernehmen. Eine Hochschule mit allen Fakultäten in einem Raum.

Aber was soll man schon mit all den Wissensfetzen anfangen? Ein Flickenteppich, ein Teppich aus 1001 Nacht, der zwar nicht zum davonfliegen reicht, aber zum Träumen, zum Vergessen derRealität.

Wissen ist Macht, Wissen macht frei sagt man, aber hier ist es genau umgekehrt. Hoher Wissensstand und umfassende Bildung, verbunden mit dem Verlust eines höheren Lebensstandards lassen die Unfreiheit und die primitiven Lebensumstände viel intensiver empfinden.

Wissen ist Macht - dieser Satz gilt hier nicht. Hier regieren Faust und Ellenbogen. Wissen dient hier nur der Unterhaltung, der Zerstreuung, dem Zeitvertreib, der Ablenkung von der Wirklichkeit, zum totschlagen der Zeit.

Müssen wir die Zeit totschlagen, damit nicht Sie uns frißt?

Die Zeit kann man nur stückweise, Minute für Minute, Stunde um Stunde, Tag für Tag, vertreiben, so wie uns die Zeit Jahr um Jahr zermürbt und schließlich tötet.

Aber die Zeit ist letztlich im Vorteil. Sie ist unendlich, unsere Zeit ist bemessen. Füllen wir aber die Zeit mit unserem Tun, mit unserem Geist, wird sie Teil unseres Seins und kann uns nicht töten.

Wir bauen eine Brücke, einen Übergang über die Unwirklichkeit unseres Seins vom Gestern nach Morgen. Wir nehmen das Heute nicht zur Kenntnis, oder schauen gegebenenfalls lediglich darüber hinweg.

Indem wir die Wirklichkeit ignorieren, entlasten wir uns vom psychischen Druck des Gefangenseins, des Erleidens des Unrechts.

Mit der Freiheit ist es wie mit der Gesundheit; Ihren Wert erkennt man erst beim Verlust.

Jeden Moment kann der Ruf "Mittelgang frei !!!" die Wirklichkeit wiederherstellen. Dann betritt die eigentliche Macht den Saal, es wird still, eine angstvolle Erwartung läßt jede Aktivität erfrieren.

Was wird es geben?

Zugang? Abgang? Neue Verbote, Anordnungen? Filzung?

Was es auch sein wird, es ist meist nichts Gutes.

Erst wenn sich die Doppeltüre wieder geschlossen hat, wenn die Stahlträger von außen wieder in ihrer Verankerung sind, beginnt der Saal wieder zu leben. War der Grund des Besuches nicht eindeutig, kocht wieder die Parolenküche .

Zwei Parolen tauchen dabei immer wieder auf; "Befreiung" und "Amnestie". Mal stehen die Amerikaner schon bei Leipzig, oder in der Verwaltung wurden lange Listen von Amnestierten gesehen.

Aus dem Saal 8 sind Drei Häftlinge ausgebrochen. Haben einen Gitterstab durchgesägt, die anderen mit einem nassen Handtuch und einem Stück Holz, beiseite gebogen und haben sich mit zusammengeknoteten Bettlaken runtergelassen. Sie haben die Gelegenheit, dass die Posten Oktoberrevolution gefeiert hatten, ausgenutzt, die lagen voll des Wodkas im Wachturm. Der Überhangstacheldraht war bis genau vor diesen Wachturm fertig montiert, es war also die letzte Gelegenheit gewesen, später wäre es wesentlich schwieriger geworden. Um über den ersten Stacheldrahtzaun, den Hundegang und den elektrischen Zaun zu kommen, benutzten sie die Holzzäune der Gartenanlage.

Aber lange konnten sie sich nicht der Freiheit erfreuen, wenige Tage später wurden sie gefasst und kamen zurück, zu weit war doch der Weg zum Westen gewesen.
Ausbruch
Noch aber sind wir das Sonderlager Nr.4 der sowjetischen Besatzungsmacht, eines der vielen Schweigelager in der sowjetischen Besatzungszone.

Kein Kontakt von drinnen nach draußen und kein Kontakt in umgekehrter Richtung.

Noch rollt jede Nacht der Leichenkarren zum Karnikelberg mit den ungenannten, unbekannten, zum Vergessen verurteilten Kameraden.

Gestern noch haben sie sich verzweifelt in Zirkeln und Kreisen an das Leben geklammert, haben einen Sinn gesucht um weiterzuleben, in dieser Hoffnungslosigkeit von 25 Jahren, lebenslänglich oder sogar zwei- und dreimal lebenslänglicher Haftstrafen. Heute schon, ist ihre Hoffnung unter einer Schaufel Chlorkalk im Massengrab begraben. Wird man Ihrer jemals gedenken? Keiner hat ihre Namen registriert. Nur im Kalk, im Verputz der Wände, hat man Ihre Namen und wann und wie Sie starben, eingeritzt.
Verloren.
Ich bin verschollen, verloren
in meinem eigenen Land.
Keiner weiß wo ich geblieben,
nicht Freund noch Feind,
noch meine Lieben.
Ich habe gekämpft, gelitten
und verloren,
es ist, als wär` ich nie geboren.
Schreibe meinen Namen,
wo ich daheim gewesen,
daß ich sterbenskrank
und nicht genesen.
Schreibe es in die Wand,
ich sei - - - - - ich war.
Sie sind das Menetekel, das Mahnmal der Menschenverachtung, des Terrors eines totalitären Regimes.

Sie, die im Lande und in der ganzen Welt, durch ihr Opfer, unter der Decke der Angst und Furcht, die Gefühle der Abscheu und der Verachtung dieses Systems, den Widerstand, wachsen ließ.

Sie brachten das größte Opfer, das ein Mensch bringen kann, Ihr Leben. Ihre Hoffnung, ihr Leitstern des Lebens war erloschen.

Sie sind die Gefallenen des kalten Krieges. Gefallen bei der Verteidigung der Grundrechte der Menschen. Gefallen auf einem Vorposten der Freiheit.

Im ganzen Land, in der sowjetischen Besatzungszone sind sechzehn solcher Brückenköpfe der Freiheit und noch unzählige Einzelkämpfer in über sechzig Gefängnissen.

Von Stralsund, Rostock, Schwerin über Neubrandenburg, Berlin mit seinem, aus der Nazizeit berüchtigten und wieder in Betrieb genommenen KZ Sachsenhausen.

Von Frankfurt an der Oder, Rüdersdorf, Magdeburg, Potsdam, Quedlinburg, Dessau, Cottbus, Torgau.

Von Eisenach, Untermaßfeld, Erfurt, Gera, über Waldheim, Hoheneck, Dresden und Bautzen, zieht sich die Front des kalten Krieges, die Front eines Kampfes zwischen dem Freiheitswillen der Menschen und dem Anspruch der brutalen Gewalt des Sozialismus auf Herrschaft.

Deutschland
War einst ein Land
der Dichter und Denker.
Fürsten und Edle
bestimmten sein Geschick
bis einige sich Edler denn edel dünkten.
Mit Hader und Streit kamen Elend und Not.
War einst ein Land
der Dichter und Denker.
Ein Kaiser regierte mit starker Hand,
bis daß sich der Kaiser
allmächtig fühlte
und im Krieg mit aller Welt
sein Mütchen kühlte.

War einst ein Land
der Dichter und Denker.
Ein Führer, ein Irrer
herrschte mit Haß und Gewalt,
ließ morden und töten,
wer nicht seines Sinnes,
verbrannte Erde
war seine Spur.

War einst ein Land
der Dichter und Denker.
Erstanden wie Phönix
aus seiner Asche,
bis Zweifler und Schwätzer
Erfolge verleumdend,
den Untergang wollten.
Und da war noch ein Land
der Dichter und Denker.
die Sozialisten hatten
die Macht,
sie teilten und verteilten
Anderer Arbeit Früchte,
bis leer und öd ward das Land
und die Geier kreisten.
Wer keinen Fixstern, keinen Halt für sein Leben hatte, war verloren. Mein Halt, meine Hoffnung in dieser Zeit war eine Erinnerung an einen Namen. Der Name eines Mädchens, einer großen und unerfüllt gebliebenen Liebe. Sie hat es nie erfahren, wie sehr ich sie liebte und deshalb konnte ich ohne Trauer und Wehmut an Sie denken, konnte allen Träumen nachgehen, ohne das Gefühl, eine traurige Hinterlassene, eine Verlassene, zu wissen.

Es war ein Anfang und das Ende zugleich. Bei unserer ersten und auch letzten Verabredung ging sie an mir vorbei. In ihren Augen sah ich Freude und Glück. Aber nicht ich war der Grund. Ein Anderer war es, den sie so freudig begrüßte. Aber in diesem Moment erkannte ich, daß ich sie liebte, so sehr liebte, daß ich ihn, der ihre Augen zum Leuchten brachte, zwar beneidete, aber nicht hassen konnte, war er doch Teil ihres Glücks. Glücklich sollte sie sein, das war auch mein Wunsch für Sie.

Else, meine Liebe, sei immer glücklich.

In den Stiel meines Holzlöffels schnitzte ich, mit Hilfe einer kleinen Glasscherbe, ihre Initialen, umrahmt von kleinen Holzperlen in Form eines Herzens. EO.

Heinz von Unruh, ein Neffe des gleichnamigen Generals, zeichnete für mich, nach meiner Beschreibung, ein Bild von Else. Meiner Elsa, deren Lohengrin ich nie sein durfte. Nicht weil sie nach meiner Herkunft und nach meinem Namen fragte, sondern weil sie es nicht tat.
Jeden Morgen, jeden Mittag, immer wenn ich meinen Löffel zur Hand nahm, war Sie bei mir, erinnerte mich daran, wie schön das Leben sein kann und machte mir so Mut, weiterzuleben. In Gedanken habe ich Ihr Glück, Ihr Leben begleitet.

Immer wenn ein Windhauch Sie zärtlich berührt, soll es ein Flügelschlag der bunten Flügel, meiner, auf die Reise zu Ihr gesandten Gedanken sein. Alles Schöne, das Ihr Herz bewegt, sollen Zeichen meiner Liebe sein, die Sie umgibt.

Nichts ist fruchtbarer als die Liebe.

So wie die Liebe den Menschen zu unerhörten Taten beflügelt, so kehrt sich die unerfüllte Liebe zu großen Gedanken. Geistige Leistungen haben oft ihren Ursprung in der Askese. Deshalb sind auch Klöster und Einsiedeleien oft Keimzellen von weltverändernden Gedanken und Ideen. Losgelöst von körperlichen Bedürfnissen, ist der menschliche Geist in der Lage, sich frei in Zeit und Raum zu bewegen. Es ist wie bei einem Dampfkessel. Sind alle Ventile geschlossen, erhöht sich der Druck und damit die verfügbare Energie.

Hier nun sind alle körperlichen Bedürfnisse auf ein Mindestmaß reduziert, so daß die geistigen Kräfte freigesetzt werden.

Das war wohl die Grundidee des Klosterlebens und in diesem Sinne ist auch das, immer wieder angefeindete, Zölibat der katholischen Kirche zu verstehen.

Im Saal ist warmer Mief und wir dürfen uns auch am Tage auf dem Strohsack aufhalten.

Die Küche kreiert ein neues Gericht, grüne Salztomaten. Roh oder auch als Eintopfsuppe serviert, rufen sie schließlich eine Enteritis-Epidemie mit allen Erscheinungsformen der Ruhr hervor. Gleich Reihenweise klappen die Kameraden zusammen. Einer nach dem Anderen kommt ins Krankenrevier oder sogar zum Karnikelberg.

Um die Weihnachtszeit erwischt es mich auch. Ich bekomme Fieber und in meinem Rücken schnurrt bei jedem Atemzug eine Katze.

Eine nasse Rippenfellentzündung , Krankenhaus, Punktion ( 3 Liter Wasser), Fieberdelirien.

Im Krankenhaus gibt es ein Labor. Dort wird normaler Kristallzucker chemisch gespalten und zu Glukose verarbeitet. Diese Glukose wird für Injektionen und künstliche Ernährung bei Schwerstkranken verwendet.

Ist diese Glukose für Injektionen nicht mehr geeignet, wird sie entweder als Trinkkur ausgegeben oder zu Alkohol gebrannt. Von diesem Alkohol bekomme ich 100 Gramm aus medizinischen Gründen eingeflößt.

Daraufhin schlafe ich 2 Tage und eine Nacht und bin fieberfrei. Röntgenaufnahmen der Nachuntersuchung zeigen aber Verschattungen der Lunge. So komme ich auf die "Mottenstation", nach Haus Drei. Haus Drei ist die Tbc-Station für die akuten Tuberkulosekranken. " Wir haben die Motten" sagen die Betroffenen zu ihrer Krankheit.

Es gibt zusätzlich zur normalen Verpflegung Milch und Käse. Für die schwersten Fälle, die Sterbenden, ist auch noch eine sogenannte Wunschkost vorgesehen, aber die wünscht sich niemand.

Außer der Zusatzkost werden als Behandlung Pneus angelegt. Das sind teilweise Stillegungen der Lungenfunktion eines Lungenflügels durch Kompression. Hierbei wurde, mit einer etwa 3-4 mm dicken Nadel, zwischen den Rippen hindurch, in den Zwischenraum von Rippen- und Lungenfell, Druckluft eingefüllt.

Da die Öffnung der Nadel wegen der Luftemboliegefahr seitlich war, konnte diese Nadel auch nicht besonders scharf sein. Es knirschte deshalb immer etwas beim Einstich. Die bevorzugte Stelle des Einstichs war die Achselhöhle.

Dabei war, wie schon erwähnt, die Gefahr, eine Arterie anzustechen und somit eine Luftembolie hervorzurufen immer sehr groß.

Die Füllanlage war eine einfache Konstruktion aus zwei großen Glasflaschen, in denen sich eine Flüssigkeit befand und durch wechselseitiges Hochstellen nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren Luft komprimiert werden konnte. Diese Einrichtung war natürlich eine Eigenkonstruktion der Häftlinge.
Bei trockenem Wetter sind Liegekuren draußen hinter dem Haus. Mit den Buchfinken in den Bäumen kann man sich prächtig unterhalten (in ihrer eigenen Sprache, versteht sich).
31.Januar 1949, 8 Uhr
5000 Stunden von 219144 Stunden.
Vielfältig sind die Formen der Tuberkulose, Lungen, Knochen, Gehirn, Rückenmark, Haut, Blut, es gibt praktisch kein Organ, das nicht von den Tuberkeln befallen wird.

Und Nacht für Nacht rumpelt der Karren zum Karnikelberg.

Die Wachposten stechen jede der völlig nackten Leiche erst mal mit einer spitzen Eisenstange an. Es könnte sich ja einer auf diese Weise in die Freiheit begeben wollen. Aber spätestens wenn er im Massengrab liegt und mit Chlorkalk zugedeckt wird, kann er es nicht überleben.

Haus 3 ist Endstation und wer es noch einmal schafft, wieder ins Haus 2 verlegt zu werden, hat viel Glück oder noch viel mehr Widerstandskraft gehabt.

Die Säle im Haus 3 sind kleiner, durch einen Durchbruch in einen größeren und einen kleineren, hinteren Teil abgeteilt und auch anders belegt. Während im Kreuzbausaal die Bettenblöcke durchgehende Liegeflächen haben, sind die Kojen im Haus drei abgeteilt zu je zwei Betten neben-, über- und hintereinander.

Im Frühjahr 1949 kündigen sich große Veränderungen an. Wir dürfen einen Brief mit 20 Zeilen schreiben, können auch Post empfangen, bekommen Zeitungen (zwar schon einige Tage alt und ausgewählt) und wer will, kann am Gottesdienst teilnehmen.

Karfreitag 1949. Erster Gottesdienst in der Anstaltskirche. Obwohl ich ja keiner Kirche angehöre, nehme ich daran teil. Es ist eine evangelische Andacht.

Meine Gedanken werden in neue Bahnen gelenkt.

Die Ergründung des Sinns menschlichen Seins.

Das Gute und das Böse in dieser unserer Welt.

Der Sinn unseres Lebens kann nur das Leben selbst sein, nicht das Erleben des Alltags, nicht die Erfüllung der Lebensfreude, nicht die Zerstreuung, die ein Teil der Lebenslust ist, sondern das glückhafte Erleben , die Erkenntnis der Bedeutung des Menschseins und die geistige Beziehung des Menschen zur Welt.

Nur dann hat das menschliche Leben einen Sinn, wenn aus dieser Erkenntnis heraus, das Leben zu einem inneren Erleben, zu einem glückhaften Empfinden führt und nicht in reiner Sinnenfreudigkeit, die Welt nur in ihrer Äußerlichkeit erlebt wird.

Denn welchen Sinn hätten all diese Zerstreuungen und sinnlichen Genüsse, wenn nicht den, die Langeweile eines unerfüllten, sinnlosen Lebens zu vertreiben und die Zeit unseres Lebens zu verkürzen.

Der Sinn des Lebens kann doch nicht sein, sich die Wartezeit auf den Tod zu vertreiben.

Selbst die Predigt des Geistlichen scheint uns irgendwie durch eine Zensur verstümmelt. Aber schließlich wird alles zensiert.

Unsere Briefe und selbst die ostzonalen Zeitungen sind reinste Schnittmusterbögen.Aber wir sind nicht mehr aus der Welt, gelten nicht mehr als nicht vorhanden.

Aus der Anstaltsbibliothek (soweit noch existent), können wir Bücher ausleihen. Es gehört aber schon eine gute Portion Beziehungen dazu, einmal etwas anderes als die Bibel oder politische Literatur zu bekommen, aber selbst in diesen Büchern sind viele geistige Anregungen zu finden.

Die Auseinandersetzung mit dem Marxismus, dem dialektischen Materialismus einerseits und dem Dogmatismus verschiedener Religionen und ihrer Kirchen andererseits, brachte viele Diskussionen in Gang.

Die Unterschiede sind grundsätzlich. Ist das eine Lager materialistisch, so sind die Anderen idealistisch.

Hier ist die menschliche Natur , die sich wiederspiegelt. Körper und Geist.

Beide Weltanschauungen, so diametral sie sich gegenüberstehen, haben in Bezug auf Recht und Unrecht und auch Ihrer Machtentfaltung und Machterhaltung, viele Parallelen aufzuweisen.

Der große Unterschied liegt in der Motivation, die der jeweiligen Ideologie zugrunde liegt.

Während der dialektische Materialismus seine Anhänger zum Hass aufruft, um einer vermeintlichen feindlichen Klasse den Kampf anzusagen, verbreiteten die christlichen Kirchen Angst und Schrecken vor Tod und Teufel um ihren Machtanspruch zu erhalten.

Und das im Namen der Liebe?!

Dabei glaube ich, ist der Glaube an das Gute, das Vertrauen in den Menschen, die bessere Voraussetzung, das Gute in der Welt auch zu erreichen.

Ohne Böses kein Gutes, ohne Tränen und Leid kein Glück und keine Freud.

Wärme und Kälte, Nähe und Ferne, Liebe und Hass, Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, Tod und Leben.

Alle diese Gegensätze lehren uns, sie gehören zusammen, sind das Ganze, dazwischen liegt die Wahrheit, liegt das Leben. Es gibt kein entweder oder, nur ein vielfaches Und.

Der ewige Ausgleich zwischen den Gegensätzen ist Lebendigkeit, ist das Leben selbst. Hüten wir uns deshalb vor dem Absolutismus und dem angeblich einzig Richtigen und Wahren.

Das Gute wollen ohne das Böse zu vernichten, der Schönheit huldigen ohne das Häßliche zu mißachten, denn keines hat Bestand ohne seinen Gegensatz.

Alle Rechnungen, die mit negativen Vorzeichen beginnen, haben auch ein negatives Ergebnis.

Wie kann man die Welt verbessern, wenn man böse denkt und handelt.

So las ich dann die Bibel, Kant, Hegel, Marx, Laotse im Wechsel mit Tolstoi, Gogol, Puschkin, Dostojewski und Lermontow.

Bei Tolstoi brauchte ich manchmal einen ganzen Tag, um eine Seite richtig verdaut zu haben. Seine sophistischen Ausflüge, welche die Logik ad absurdum führen, geben gerade in Bezug auf den pseudowissentschaftlichen Charakter des Marxismus, Anlass, über die Logik dieser Ideologie nachzudenken.

So, wie Tolstoi beschreibt, ein Läufer, eine Schnecke nie einholen kann, wenn sie beim Start einen Vorsprung erhält, weil sie, in der Zeit seines Einholens der von ihr zurückgelegten Strecke, wieder ein Stückchen weitergekrochen ist, und so weiter; genauso sind die Denkmodelle des Sozialismus zwar in sich schlüssig, aber genauso falsch.

Die Voraussetzungen, die Fakten und die daraus folgenden Werte entsprechen einfach nicht der Wirklichkeit.

Eine Utopie wird nicht durch die Transformation in die Wirklichkeit zur Wirklichkeit.

Ein Arbeitskreis zur ideologischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus bildet sich, obwohl dies sehr gefährlich ist. Es gibt halt immer wieder welche, die für eine Zigarette oder einen Nachschlag ihre Kameraden verraten. Leider zeigen solche Diskussionen auch immer wieder, daß selbst in diesem Kreis, der die Ergebnisse einer realen sozialistischen Gesellschaftsform, aus eigenem Erleben verspüren muß, keine totale Ablehnung und keine Erkenntnis für die Zwangsläufigkeit der Folgen einer solchen Gesellschaftsform, Selbstverständnis ist.

Die Kompetenz einer Diktatur des Proletariats liegt doch dann wieder bei einer Minderheit, deren demokratische Befugnis in Zweifel gezogen werden muß. Es ist, als ob Füße, deren Aufgabe die Fortbewegung, das Laufen ist, die Funktion des Gehirns übernehmen wollten.

Sozialistische Gesellschaft heißt, selbst in seiner idealen Form, das Wollen und Handeln an einem Schalter abzugeben, zu übergeben an eine Institution deren Wollen und Handeln von den Interessen Einzelner oder bestimmter Gruppen bestimmt ist.

Sozialismus ist die Aufgabe des individuellen, selbstbestimmten Lebens, der Verzicht auf eigene Ziele, Wünsche und Träume und deren Verwirklichung. Der Staat, die Gesellschaft kann nicht der "Robin Hood" für Arme sein, kann nicht wahllos die Einen ausrauben um damit die Bedürfnisse derer zu befriedigen, deren Ansprüche sich an der Lebensweise der Ausgeraubten orientieren.

Die einzige Wahrheit der DDR ist, daß Sie sich als real existierender sozialistischer Staat bezeichnet.

Denn so und nicht anders sieht realer Sozialismus aus, so lange er eben existiert, denn jede sozialistische Gesellschaft ist zum Untergang verurteilt, ob wirtschaftlich oder gesellschaftspolitisch, in jedem Fall ist seine Existenz endlich.

Denn, was Marx in seinem Hauptwerk, das er bezeichnender Weise "Das Kapital" nennt, als propagandistische Behauptung aufstellt, der Gegensatz zum Sozialismus sei der Kapitalismus, wird zwar immer wieder nachgeplappert ist aber dennoch unrichtig.
Der Gegensatz zum Sozialismus ist der Individualismus!
Aber Marx wußte sehr wohl, warum er diese unwahre Behauptung aufstellte, hätte doch sonst sein Klassenkampf-Konzept wenig Anhänger gefunden, da jeder denkende, vernünftige Mensch den logischen Umkehrschluß entdeckt, daß der Sozialimus der Gegensatz zur Freiheit des Individuums sein muß!

Dies hat schließlich auch die Praxis aller sozialistischer Regime unter Beweis gestellt.

Das darüberhinaus der Kapitalismus im Sozialismus als Staatskapitalismus zentrale Bedeutung hat muß nicht erst bewiesen werden.

Nur, während der Kapitalismus in einer freien, demokratischen Gesellschaft von Personen, also Menschen vertreten wird, hat er zumindest die Option einer humanen, sozialen Handhabung und Ausübung der Wirtschaftsmacht, während der Staatskapitalismus rein bürokratisch auf das Staatsinteresse ausgerichtet ist.

Taugen also die Menschen nicht für eine sozialistische Gesellschaft, oder aber taugt der Sozialismus nicht als Gesellschaftsform für den Menschen.

Wie man es auch nimmt, in keinem Fall sollte diese Gesellschaftsform noch weiter erstrebenswert sein.
Sozialismus heißt Unfreiheit.
Sozialismus.
Und Alle, Alle backten einen schönen Kuchen.
Sie saßen dann am Tisch um zu versuchen,
Ihr redlich Teil zu kriegen.
Sie teilten, teilten, teilten,
daß die Fetzen fliegen,
bis auf dem Tisch nur noch die Krümel blieben.
Doch manches gute Stück,
das ging dabei verloren,
was unterm Tisch,
die Ratten dann zum Festmahl
sich erkoren.

26.August 1949, 16 Uhr.
10 000 Stunden von 219 144 Stunden.
Eine russische Ärztin macht Reihenuntersuchungen. Im Saal stehen wir nackt in einer langen Reihe und sie befühlt die Arschbacken. Je nach Falten am Hintern teilt sie in Distrophiker verschiedener Stufen ein.
Das bedeutet zusätzlich Mehlsuppe, "Wüstensand" genannt, bitter und von graubrauner Farbe.

Bald darauf wird dann der Paketempfang erlaubt.

Ein 3 Kilo-Paket pro Monat, Inhalt genau nach Anweisung des Erlaubnisscheins.

Das erste Paket, schöner als jedes Weihnachten der Kinderzeit, wenn nicht die Mißgunst der kontrollierenden Volkspolizisten gewesen wäre, die, speziell die Westpakete, mit einem großen Messer regelrecht schlachteten. Wenn schließlich Margarine, Wurst, Zahnpasta und Zucker, gründlich zerkleinert und vermischt waren, hatte der innere Schweinehund des Wachmeisters seinen Frieden und ließ den Gefangenen mit den Überresten des Liebesgrußes von Daheim, ziehen.
Bei Verstößen gegen die Anstaltsordnung gibt es keinen Paket-Erlaubnisschein.
-Pellkartoffeln stehen auf dem Speiseplan, für vier Mann einen Essnapf voll und das gibt neue Teilungsprobleme.

Mit dem Paketempfang hat sich die Ernährungslage zwar etwas entspannt, aber erstens haben wir viel aufzuholen und die meisten Pakete kommen aus der sowjetischen Besatzungszone und sind deshalb nicht sehr kalorienhaltig.

Es bilden sich einzelne Paketgemeinschaften,"Kisten"genannt.

Einmal, wird so ein Lastenausgleich geschaffen und die Zeiten zwischen den Paketen sind nicht so lang.

Eine "Kiste" war eine Gemeinschaft, die bei etwa gleicher Interessenlage einer Vernunftehe oder einer AG vergleichbar war.

Dagegen waren "Miezen" etwas zum Kuscheln und Gefühle zeigen dürfen, etwas wie eine warme Wolldecke. Homosexualität im eigentlichen Sinn, gab es dagegen kaum.

Kinovorführungen, meist russische Filme, Arbeiterheroismus und sozialistische Errungenschaften, gibt es in der Anstaltskirche.

Amnestiegerüchte gehen um. -

Im Haus 3 ist es möglich, an Materialien zum Basteln zu kommen.

Der Käse unserer Zusatzverpflegung ist ein begehrtes und wertvolles Tauschobjekt. So kommen wir zu Materialien wie Holz, Papier, Farben und an Knochenleim, der in der Heizungsanlage gekocht wird.

Weihnachten 1949 dreht sich deshalb eine wunderschöne, sechsstöckige Weihnachtspyramide im Saal 1, Haus 3.
Kurt Lederbach, früher Tischler seines Fachs, hat sie aus Pappe und Knochenleim gebaut und mit geschnitzten Holzfiguren aus der Weihnachtsgeschichte verziert.

Einmal mit der praktischen Bastelei begonnen, suchten wir beide dann andere Objekte und bastelten erst mal eine Balalaika.

Bezugsquelle für Holz und Leim hatten wir, blieb die Frage nach Saiten. Einzelne Drähte aus den Drahtseilen der Fensteroberlichtzüge waren schließlich die Lösung. Für die tiefen Töne wurden sie mit dünnen Kupferdrähten umwickelt.

Als ich schließlich ein Privatkopfkissen mit Roßhaaren bei einem Kameraden entdeckte, kam mir die Idee, eine Geige zu bauen.

Das Pergamentpapier, in dem die Fettrationen angeliefert wurden, in heißem Kaffee ausgewaschen und mit Knochenleim beidseitig auf Pappe aufgezogen, bildete den Grundstock für den Körper der Geige.

Durchgehend eine Holzleiste, der die Saitenspannung aufnahm. An dieser das Griffbrett und die Knebel zum Spannen und Stimmen der Saiten.

Gegen etwas Sanella aus meinem Paket, durfte ich mir aus dem Roßhaarkopfkissen einige lange Haare herausziehen.

Harz fand sich an den Bettgestellen genug.

Eine andere Gruppe um Otto Hartmann und Werner Lux machten noch zwei Gitarren und eine Trommel. Fertig war die Kapelle. Regelrechte Konzerte wurden veranstaltet.

Die anfänglichen Bedenken der russischen Wachtposten wurden mit dem Hinweis auf die völkerverbindenden Eigenschaften der Volksmusik ideologisch zerstreut. Und dann die Balalaika.

Wir spielten eben nur Volkslieder. Volkslieder konnten dann auch die heißesten südamerikanischen Stücke sein.

Die Geige spielte ein ehemaliger Gastwirt, Timm hieß er wohl. Seinen ersten, amüsierten, Versuchen wichen dann einem begeisterten Staunen über den phantastischen Klang des Pappinstruments. Selbst über den gesamten Tonbereich war der volle Klang durch den genau ausprobierten Standpunkt der "Seele" vorhanden.

Eigene Kompositionen entstanden. - "Alle die Gedanken mein", - ein Gutenachtlied und - "am Feuer sitzen die Gauchos" - ein temperamentvolles, südamerikanisches Thema.
Die Lockerung des Umgangs mit den russischen Wachtposten waren einerseits durch die Angst vor der Ansteckung und andererseits durch die bevorstehende Übergabe an die Volkspolizei bedingt.

Im Saal 2 bildete sich nach einer Tournee unseres Orchesters durch Zellenhaus und Saal 2 dann ebenfalls eine Musikgruppe.

Da wir, durch die Schreib- und Postgenehmigung, auch über Papier und Bleistifte verfügten, Farben aus der Apotheke in Form von Tabletten und Desinfektionsmaterial vorhanden waren, stellten wir uns Spielkarten her.

Im Januar 1950 wurden wir vom deutschen Strafvollzug übernommen. Die Volkspolizei verwaltete nun unseren Strafvollzug. Wir glaubten, nun müsse alles besser werden, konnten wir uns doch mit den Wachtposten verständigen. Das war aber wohl das größte Mißverständnis.

Die Verpflegung wurde radikal schlechter. Die Brotration gekürzt und die Produkte blieben zeitweise ganz weg.

Deren Nachlieferungen verursachten dann erhebliche Verdauungsbeschwerden. Dem Vernehmen nach waren die Versorgungsschwierigkeiten durch falsche Angaben über die Belegungsstärke bei der Übergabe verursacht.

Statt der Gesamtbelegung von 8000 hatte die russische Verwaltung den Krankenstand von 1200 als Gesamtbelegungszahl angegeben.

Ob dies nun eine bewußt falsche Angabe der Sowjets war oder ob die deutsche Verwaltung eine solche Belegung garnicht für möglich hielt, die Folgen wären katastrophal gewesen, wenn wir nicht unsere Pakete gehabt hätten.

Das anfängliche Entsetzen der Wachtposten über die Lebensverhältnisse in der Haftanstalt wurde sehr schnell durch eine intensive politische Schulung abgebaut und die operative Abteilung setzte immer mehr Schikanen ein, um unseren politischen Status in einen kriminellen umzuwandeln.

Ließen sich die Wachtposten einmal in Diskussionen mit den Gefangenen ein, wurde die ideologische Verblendung in erschreckender Weise deutlich. Ein Hauptwachtmeister behauptete allen Ernstes; als er erfuhr, daß mein Heimatort Duisburg war; er sei der zukünftige Direktor des Johannes- Hospitals in Duisburg Hamborn!

"Nächstes Jahr tränken wir unsere Pferde am Rhein " - Solche und ähnliche Sprüche gaben sie von sich und was noch schlimmer war, sie glaubten daran. Die Kompetenzüberheblichkeit ging schließlich soweit, daß ein Sanitäts- Hauptwachtmeister die Füllung der Pneus vornahm, obwohl seine medizinischen Kenntnisse wohl nur in einem Erste - Hilfe - Kurs bestand.

Prompt verpfuschte er dann auch bei mir eine Füllung, so daß mein Pneumothorax aufgelassen werden mußte.

Das bedeutete für mich, erst zweimal wöchentlich und dann zum Schluss, täglich zum Füllen mit anschließender Durchleuchtung.

Unseren Plan, eine Pappröhren-Orgel zu bauen mußten wir aufgeben, alle vorhandenen Musikinstrumente wurden konfisziert. Ein Detektorradio, das schon in Arbeit war, fiel einer der vielen Filzungen zum Opfer.

Dafür bekamen wir unsere Last mit Flöhen.

Im Februar bekam ich hinten rechts, an der unteren Rippe eine hühnereigroße Geschwulst, die, kurz bevor man sie öffnen wollte, über Nacht wieder verschwand.

Anfang März wurde ich als geheilt in den Kreuzbau nach West 1 verlegt.

Am 13. und 31. März 1950 waren dann die Hungerrevolten der Gefangenen. Aus den Fenstern wurden Bettlaken herausgehängt und Sprechchöre hallten über die Höfe und Mauern.
" Hunger - Hunger, - wir - rufen - das - Rote - Kreuz ".
Wir hörten zwar den Tumult und das Rufen, waren aber noch zu neu in West 1 um näher informiert zu sein. Es gab ein ziemliches Gerenne auf den Fluren und es wurde auch viel geschlossen und geschrieen, was auf Prügeleien deutete, aber den eigentlichen Umfang der ganzen Sache erfuhr ich erst nach der bald darauf erfolgenden Verlegung zum Haus 2. Der Zellenflügel wurde wahrscheinlich für Strafverlegungen gebraucht.

Meine Verlegung nach Haus 2 hatte allerdings auch einen medizinischen Grund. Ich hatte Fieber und ständige Schmerzen im Unterleib.

Haus 2 war die Rekonvaleszentenabteilung der Tuberkulosekranken und des Krankenhauses.

Als mein Fieber immer weiter stieg und mein Allgemeinzustand sich rapide verschlechterte, wurde ich zur Krankenabteilung in die Innenbaracken verlegt. Die Innenbaracken war eine Kapazitätserweiterung von Haus 3. Als mein Zustand schließlich kritisch wurde ; ich nicht mehr ohne fremde Hilfe aufstehen konnte, auch ständig über 40 Grad Fieber hatte und schließlich nur noch 42 Kilo, bei meiner Größe von 1,86m, auf die Waage brachte, kam ich schließlich zur Operation ins Krankenhaus. Dort wurde eine Laparatomie vorgenommen und die dabei festgestellte Bauchfelltuberkulose behandelt.

Alle Därme auf einem Handtuch herausgehoben und alles mit einer Tb1-Lauge ausgewaschen, wie mir der behandelnde Arzt, Dr. Behne, (auch ein Häftling), mir später erklärte.

Einige Tage dauerte es dann noch, bis alle Därme wieder an ihrem richtigen Platz waren, aber an Schmerzen dieser Art war ich schließlich durch das vergangene Vierteljahr gewöhnt. Wenn zu diesem Zeitpunkt keine Medikamente durch die Westpakete hereingekommen wären, hätte ich meinen 20. Geburtstag wohl nicht mehr erlebt.

So nah dem Tode gehen die Gedanken zurück und man zieht die Bilanz seines Lebens. Angst vor dem Tod ist es nicht, was das Sterben schwer macht.

Die im Leben begangenen Fehler und die Sünden sind es auch nicht, sondern was man nicht getan hat, was man noch hätte tun und erreichen wollen, läßt den Sterbenden verzweifeln.

Unerreichtes, Erkenntnis der noch zu erreichen gewesenen Ziele, vergebliche Träume, machen das Herz schwer. Der Tod an sich, bringt dem, unter Schmerzen Leidenden, nur Erlösung. Man ist des Leidens und des Lebens müde und wünscht sich Ruhe und Frieden.

Nach der Operation, etwa im August 1950 kam ich dann wieder in den Saal 1 im Haus 3, wo ich viele altbekannte Kameraden wiedertraf.

An der Stirnwand des Saales war ein großes Wandbild, von Otto Hartmann. Ein überlebensgroßer Arbeiter mit nacktem Oberkörper, schlägt mit einem großen Vorhammer einen Pflock in den Boden.

Otto Hartmann hat sicherlich mit diesem Bild etwas aussagen wollen.

Meine Interpretation war: Die Erde, in die der Arbeiter, als Sinnbild des Terror-Regimes den Pfahl schlägt, ist das Volk, ist die Gemeinschaft der Menschen.

Der Pfahl, dessen oberes Ende schon von den Schlägen aufgesplittert ist, sind wir, sind die Opfer des Systems.

Aber je mehr Schmerzen der Körper des Volkes zu ertragen hat, um so mehr werden sich seine Abwehrkräfte entwickeln.

"Der Pfahl im Fleisch" nannte ich deshalb dieses Wandbild.
2.August 1950, 10 Uhr und vierzig Minuten.
1 Million Minuten von 13 Millionen Minuten.
In den kommenden Wochen mußte ich täglich 3 mal 8 Tabletten TB1 schlucken und lag nur auf dem Strohsack. Ich strickte in dieser Zeit Strümpfe und Pullover, aus Fäden, die aus Stoffresten gezogen und zusammengeknotet wurden. Die Stricknadeln, einfache Holzspäne mit Glasscherben geglättet, brachen zwar oft, oder spalteten sich auf, aber selbst Zopf- oder Norweger-Muster wurden in Angriff genommen.

Einer der alten Kameraden aus 1949 im Haus 3 war Kurt Lederbach. Auch für ihn verwandelte ich die allgemein üblichen Fußlappen in ein Paar Socken. Später sollte aus dieser Begegnung eine dauernde Freundschaft entstehen.

Kurt war in Jena zu Hause und hatte, da er zu freiheitsliebend war, die Aufmerksamkeit der NKWD erregt. Zu allem Überfluss hatte er noch einen Vater, in Mannheim . So bekam er auch die üblichen 25 Jahre Arbeitslager. In Jena lebten noch seine Mutter und seine sechs Geschwister.

Zu diesem Zeitpunkt hatte jeder noch seine zivile Oberbekleidung. Da meine Hose mit der Zeit speckig geworden war, wendete ich sie in dieser Zeit der Bettlägerigkeit. Es war garnicht einfach, den durch die dauernden Dampfbäder brüchig gewordenen Nähfaden wiederverwendbar aus den Nähten zu ziehen, aber mit viel Geduld und Sorgfalt gelang auch dies. Da meine Hose im Marineschnitt hergestellt war, ergab sich auch nicht das Problem eines seitenverkehrten Hosenstalls.

Diese ganze Arbeit hätte ich mir allerdings ersparen können, denn bald darauf bekamen wir einheitliche Häftlingskleidung. Graue Drillichanzüge mit grünen Streifen auf Rücken und Ärmeln sowie grüne Generalsstreifen an den Hosenbeinen. Dazu eine Art Baskenmütze und Pantinen mit Holzsohlen. Das gab ein ganz neues Geräusch beim Ein- und Ausrücken zum Hofgang und auch der Schleichgang in der Runde klang jetzt noch müder. Nur wer über Vitamin "B" (Beziehungen) verfügte trug schwarze Turnschuhe aus Leder mit weißenStreifen.
3.Mai 1952
1000 Tage von 9131 Tagen !
Kurt Lederbach klagte immer über Rückenschmerzen und mußte schließlich ins Gipsbett. Knochentuberkulose der Lendenwirbel.

Als bettlägeriger Pflegefall muß er in eine Zelle im Zellenflügel Haus 3. Selbstverständlich übernehme ich die Pflege und gehe mit ihm in die Zelle.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die durch die Unbeweglichkeit des Patienten bedingt waren, stellten wir uns nach und nach auf die Gegebenheiten ein und Kurt konnte sogar im Liegen Holzfiguren schnitzen. Das Holz wurde aus der Heizungsanlage im Tausch gegen Käse geliefert. Das Schnitzmesser war einmal ein Absatzeisen eines Stiefels und die Genehmigung wurde durch die Bestellung und Lieferung einer Figurengruppe für das Ärztezimmer des Polizeiarztes erwirkt.
12.August 1952 16 Uhr
25 Tausend Stunden von 219 Tausend Stunden!
Die Entwürfe für diese Figurengruppe stammte ebenfalls von Otto Hartmann und stellte einige typische Krankheiten , wie Zahnschmerz, Gicht und Rheuma dar. Für mich stellte Kurt ein wunderschönes Schachspiel her, mit ganz natürlichen Figuren. Für dieses Schachspiel bastelte er dann noch einen Kasten mit einem beweglichen Mittelteil und einem raffinierten, geschnitzten Holzschloß mit meinen Initialen.

Zu Weihnachten versuchten wir Weihnachtslieder zweistimmig zu singen um etwas weihnachtliche Stimmung in die Zelle zu bekommen, aber die Stimmen wurden immer zaghafter und verstummten dann ganz, jeder hing seinen Gedanken nach, war weit, weit weg.

Aus unseren Paketen aßen wir Plätzchen, Brot mit Sanella und Schlackwurst und gedachten der mageren Zeiten ohne all diese Dinge von zu Hause.

1953 im Frühjahr konnte Kurt das Gipsbett wieder verlassen und wir kamen in eine Zelle im 1. Stock im Haus 2, zusammen mit einem dritten Kameraden. Über 2 m groß, ein Berg von einem Kerl, - Karl Saueracker.

Kurt und ich waren schon nicht klein, aber gegen Karl kamen wir uns winzig vor. Zum Glück war er sehr friedfertiger Natur, wie das überhaupt fast immer so ist (die kleinsten Hunde sind die Bissigsten).
27.Mai 1953 21 Uhr und zwanzig Minuten.
2 Millionen Minuten von 13 Millionen !
Unsere Haare hatten jetzt einige Wochen keinen Kahlschlag mehr gehabt und so kommt es wie es kommen muß. Als wir zum Glatzeschneiden gehen sollen, weigern wir uns alle drei.

Sofort wurden alle Türen im Zellenhaus verriegelt. Dann nahmen sie sich jeden von uns einzeln vor. Nach einiger Zeit kam Karl, dann Kurt ratzekahl geschoren zurück.

Dann holten mich 2 Polizisten im Polizeigriff ab. Im Zwischengang zur Friseurzelle, konnte ich mich dann durch einen Salto vorwärts befreien und dem Einen ein Veilchen verpassen und den Anderen ins "Selbstmörder- fangnetz" befördern, das zwischen den Etagen im Lichtschacht gespannt war.

Dann war ich erst mal eine ganze Weile allein auf dem Flur. Die beiden Helden zogen sich zurück und holten Verstärkung.

Das Rollkommando kam dann mit Gummiknüppeln, so daß jeder Widerstand zwecklos wurde.

Den Friseur, ebenfalls ein Häftling, versuchte ich dann noch mit dem Hinweis, das seine Arbeit Mitwirkung zur Körperverletzung sei, zu beeinflußen, aber als seine Weigerung dann noch mit Konsequenzen für ihn bedroht wurden, gab ich schließlich nach. Zurück, in der Zelle trat ich dann in den Hungerstreik.
Hoher Besuch, ein Polizeioberrat mit Psychologiestudium kam in die Zelle. Mit wohlwollend väterlichem Ton redete er auf mich ein und wenn nicht dieser ideologisch gefärbte falsche Zungenschlag, ich käme doch aus gutem Hause (mein Vater wäre schließlich Bergmann), gewesen wäre, hätte man sein Wohlwollen ernst nehmen können. So war es mein Glück, daß ich nichts im Magen zum Kotzen hatte.

All seinen Beteuerungen des humanen Strafvollzugs folgte dann die Quittung. 14 Tage Karzer und 3 Monate Paketsperre.

Karzer, das heißt Knast im Knast. Eine Zelle ohne Fenster, in der Mitte noch einmal durch ein Eisengitter geteilt.

Nackter Zementboden, ein fast nackter Häftling und ein Kübel für die Notdurft, sowie eine Kanne mit Wasser.

Jeden dritten Tag, bekam der Häftling seine Kleidung, Strohsack und Mittagessen. An den anderen Tagen nur die Kuhle und Wasser.

In der Dunkelheit der Stunden um Stunden war die einzige Orientierung die Helligkeit des Türspalts.

Kaum ein Ton dringt in die Tiefe des Kellers, in der sich die Karzerzelle befindet. Das hämische Grinsen des Postens bei der morgendlichen und abendlichen Zählung, erscheint mir wie das Lächeln eines Boten aus dem Reich der Menschen, zu denen ich anscheinend nicht mehr zähle.

Da sich in der Zelle auch kein Heizkörper befindet, fällt auch der Haustelegraf als Verbindung aus.

Der Fussboden ist hart und eiskalt.

Eine Zeitlang hilft es, sich wie ein Affe an das Zwischengitter zu hängen, oben ist wenigstens die Luft etwas wärmer, aber wie lange kann man das schon durchhalten.
Jeweils 48 Stunden Warten, auf ein bischen Erlösung, auf den "Guten Tag".

Nach dieser Haft-Haftverbüßung werde ich ins Außenlager verlegt. Anscheinend hat sich dabei der Einfluß des Oberrats geltend gemacht.

Als sogenannter Rädelsführer durfte ich sowieso nicht mehr zu meinen Kameraden in die Zelle zurück. Oder ist das die Umkehrung des Satzes von Zuckerbrot und Peitsche - Peitsche und Zuckerbrot ? !

Außenlager, das heißt Arbeitseinsatz, war also eine Vergünstigung. Das Außenlager verdankte seinen Namen der Tatsache, daß sich die Baracken außerhalb der gelben Steinmauern, die das Zuchthaus Bautzen umgeben, befanden.

Es wurde aber auch durch Todeszone, Elektrozaun und Wachtürme gesichert.

Im Außenlager wurde eine Seidenraupenzucht sowie eine Altmaterial-Verwertung betrieben. Als Schlosser durfte ich dann den ganzen Tag Eisenteile aus Aluminiumschrott heraus meißeln, die Isolierung von Kupferdrähten abklopfen oder Kondensatorfolien abwickeln.

Eine wenig sinnvolle Betätigung, aber man war dabei den ganzen Tag draußen an der frischen Luft.

Wir hatten zwar nicht das Gefühl etwas Nützliches zu tun, aber gemessen an dem dafür gezahlten Lohn, 20 Pfennig pro Tag, haben wir doch viel getan. Für das Geld durften wir dann einmal im Monat einkaufen. Seife, Zahnpasta oder auch maximal 30 Zigaretten.

Ganz Schlaue kauften sich Kautabak, der dann in kleinen Tütchen aus Zeitungspapier geraucht wurde.

Da ich aber zu dieser Zeit noch Nichtraucher war, konnte ich mein Zigarettenkontigent anderweitig verwenden.

Der 17. Juni 1953 brachte viel Aufregung, das Außenlager wurde aufgelöst.

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich aber schon wieder im Kreuzbau, im Saal 4. Die Parolen überschlugen sich. Einzelne Wachtposten versuchten sich anzubiedern, offensichtlich in der Annahme, daß wir uns bald für sie verbürgen könnten. Auf der nahegelegenen Autobahn wurden Panzer gesehen. Wie sich herausstellte, entgegen den Parolen, keine zu unserer Befreiung, sondern sowjetische Panzer, die unsere Befreiung durch die Bevölkerung verhindern sollten.

Im August, kam dann die härtere Gangart wieder.

Wachtposten wurden reihenweise ausgewechselt. Unsichere Kantonisten im Sinne der Parteilinie wurden versetzt.

Die operative Abteilung, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, begannen mit der "Gehirnwäsche" der Gefangenen.

Einzeln wurden Häftlinge mit Suggestivfragen bearbeitet um eine dem System genehme Einstellung des Einzelnen zu erreichen und unsere Unfreiheit als eine vorübergehende Notwendigkeit zu akzeptieren.

Immer wieder die gleiche Frage. " Würden sie, wenn wir sie in einem Betrieb in der DDR zur Arbeit einsetzten, zu fliehen versuchen".

Diese Frage konnte wohl nur jemand stellen, der seine eigene Unfreiheit nicht begriff, aber die ideologische Verbohrtheit der Politkader ist nicht mit Vernunftsmaßstäben zu messen. Diese Ideologie auf Ratio aufgebaut und mit pseudologischen Grundsätzen gefüttert, ist einfach idiotisch unlogisch weil sie mit falschen Werten beginnt.

Das Idealbild eines Menschen ist eben nicht mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

Die Grundidee aller Revolutionen ist schon deshalb falsch, weil jede Revolution Gewalt, Kampf voraussetzt, so wie das 20.Jahrhundert vom "Kampf" bestimmt wurde. Zwei Weltkriege und unzählige örtlich begrenzte Kriege.

Die Jugend von Langemark, die im ersten Weltkrieg singend in den Kampf und den Tod zogen und die anfängliche Begeisterung bei Beginn des zweiten Weltkrieges, die sehr schnell endete, als der Tod auch die Bevölkerung erreichte und die Städte zu Ruinen wurden.

Hitler beschrieb seinen "Kampf", Marx predigte den Klassenkampf und allenthalben wurde für oder gegen Etwas gekämpft.Dabei waren die Ziele meist nur vorgeschoben und es ging immer nur um das Eine, zum Kämpfen gehörte ein Feind, ein Gegner, gehörte Unzufriedenheit mit dem Dasein wie es war, mit dem Leben. Dabei gab es dann auch so absurde Begriffe, wie etwa den "Friedenskämpfer. Ob sie dabei für oder gegen den Frieden kämpften war nicht so recht zu erkennen, da sie ja "allzeit kampfbereit" waren, nicht friedfertig sein konnten oder wollten.

Dann gibt es noch die Kämpfe, die sich Sport nennen, Kampf um Ehre, Leistung als Kampf, gespielte Kämpfe als Ersatz für direkte Auseinandersetzungen der Völker, Gruppen und Regionen. Beweise von Kraft und Ausdauer, Platzhirschgebaren, Größenwahn.

Der Sieg als Sinn des Kampfes!?

Wenn die Zukunft nun nicht mehr dem Kampf, sondern dem Frieden gehörte, wenn der Mensch sich bescheiden, weniger wichtig, toleranter zu Anderen sein könnte, wenn jeder Jeden als etwas Einzigartiges, als Individuum mit seinen eigenen, besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten, sehen und begreifen könnte und neidlos anerkennte das es Größeres, Schöneres, Besseres gibt, wäre der Lohn Zufriedenheit.

Zufriedenheit, das in seinem Wort schon den Frieden in sich birgt.

Aus den Kämpfen würde ein Wettsteit um Frieden.

Wenn die Menschen wirklich alle gleich wären, wie dies der dialektische Materialismus und alle revolutionären Ideologien behaupten, warum dann die Forderung nach mehr Bildung, nach Fortschritt überhaupt, mehr für wen? Wenn aber eine geistige Differenzierung vorhanden ist, so gibt es auch eine unterschiedliche Bewertung.

Das Egalite der französischen Revolution diente schließlich auch nur der Überhebung Einzelner, die ohne die Unterdrückung Anderer nie Macht erlangt hätten. Im Sport nennt man dies "Aufstützen", und wird als Foul bestraft.

Die Auswertung der Gehirnwäsche muß katastrophal gewesen sein, verlogene Antworten auf verlogene Fragen.

Ab Spätherbst 1953 wurde kein Kahlschnitt mehr erzwungen. Amnestieparolen kreisten.

Aus anderen Lagern nach Bautzen Verlegte sprachen von Entlassungen und sogar von Auflösung mehrerer Lager. Ende Dezember werden die Ersten entlassen. Truppweise ziehen sie zum Bad.

Für das Einsammeln der Häftlingssachen, der Wolldecken und sonstigen Hinterlassenschaften werden Arbeitskräfte gebraucht.

Ich melde mich sofort , denn so eine Gelegenheit, seine Habseligkeiten aufzubessern und an Informationen aus erster Hand zu kommen, gibt es so schnell nicht wieder. Außerdem ist keine Linie ersichtlich, wer denn nun alles entlassen wird.

Unter den Bisherigen waren Lebenslängliche und Fünfundzwanziger aber noch keine Westdeutschen.Wenn ich also nicht dabei bin, will ich mich zumindest neu einrichten.

Im Bad traf ich Kurt, nackt in seine Wolldecke gewickelt "Ich gehe nach Hause, die aus dem Westen sollen auch bald gehen".Viel konnten wir nicht miteinander reden überall standen Wachtposten rum.

Ein Paar schöne Lederturnschuhe und 1a Unterwäsche konnte ich noch in der Wäscherei gegen meine schäbigen Sachen umtauschen.
14.Januar 1954!
2000 Tage Haft von 9131 Tagen !
Dann, Mitte Januar 1954 wurden West-Transporte zusammengestellt.

Am 17. Januar wurde auch ich von der russischen Entlassungskommission aufgerufen.

Ich kann gerade noch meine guten Sachen mit meinem Kojennachbarn tauschen, alles in die Wolldecke rein und nichts wie raus aus dem Saal.

Es rauscht in den Ohren, die Gedanken sind einfach nicht zu bändigen. Keine Vorstellung gelingt über das, was noch weiter geschieht. Im Kopf der reinste Bienenschwarm. Aufgeregt und betäubt zugleich, welch ein Zustand.
Der Traum aller Träume.
Im Bad werden wir dann auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt. Die Posten schnauzen herum, brüllen uns an: "ausziehen - Ruhää - aber dalli".

Wir ziehen uns ganz aus und sitzen dann nur mit einer Wolldecke über den Schultern wartend im Vorraum zum Bad.

Truppweise können wir ein letztes Mal die Duschen benutzen, ehe wir dann, immer noch nackt in die Wolldecke gewickelt, in die Kirche getrieben werden.

Dort wurden wir erst noch einmal gefilzt.

Wie man Nackte überhaupt noch filzen kann?!

"Mund auf - Arme hoch - Sack hochheben - umdrehen - bücken, Arschbacken auseinander - der Nächste - los - los - Beeilung".
Am Tisch, vor dem Altar wurden dann die "Effekten", irgendwann einmal beschlagnahmte Briefe, Bilder, Ringe oder sonstiges Eigentum, soweit sich nicht vorher schon ein Freund dafür gefunden hatte, ausgehändigt.

Mein Schachspiel von Kurt, seit meinem Einzug in den Karzer beschlagnahmt, war natürlich nicht mehr vorhanden. Zu fragen wagte jedoch keiner nach diesen Dingen, nur jetzt nichts mehr riskieren.

Unsere alten Sachen waren in der Regel in den Jahren nicht besser geworden und so mußten wir denn mit dem Anzug von der "DDR Holzstange" vorlieb nehmen. Zum Schluss gab es den Entlassungsschein und 10 DDR-Mark.

Als „Zivilisten verkleidet ging es dann zurück in den Kreuzbau zum Saal 1. Der hatte sich sehr verändert. Keine Schlafblöcke mehr, Tische mit Tischdecken, Stühle und auf den Tischen Aschenbecher.

Für unsere 10 DDR-Mark konnten wir Zigaretten und Limonade kaufen und so tranken wir Brause und rauchten eine Zigarette nach der Anderen, -

Hier begann meine Karriere als Raucher mit 40 Zigaretten in dieser Nacht, bis wir nach einigen Stunden, es war inzwischen Mitternacht vorbei, zum Tor hinaus in einen Raum geführt wurden, wo uns noch einmal das hohe Lied des Arbeiter- und Bauernstaates gesungen wurde, mit der eindringlichen Ermahnung im Westen keine Hetze zu betreiben und nur die "Wahrheit" über das Paradies des Sozialismus zu berichten.

Wie dieser Widerspruch, des entweder oder, zu lösen sei, dieser Frage enthielten wir uns wohlweislich. Mit LKWs ging dann die Fahrt über Dresden nach Eisenach.

Hinter Dresden, die Autobahn hatte Schlaglöcher wie kleine Bombentrichter, gab es beim Durchfahren eines solchen, einen fürchterlichen Schlag und die Fahrt war zunächst zu Ende. Auf der Autobahn, etwa fünfzig Meter zurück, lag das Getriebe, oder war es der Kardan unseres LKWs.
Die Begleitung, zwei Volkspolizisten versuchten einen der wenigen Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn anzuhalten. Aber trotz ihrer Uniform dauerte es recht lange bis ein Auto anhielt. Es wurde schließlich fast Morgen, bis wir in Eisenach ankamen.

Nach nochmaliger drohend, freundlicher Ermahnung keine "Unwahrheiten" im Westen zu verbreiten fuhren wir in zwei klapprigen Omnibussen (echte Vorkriegsqualität, naturbelassen) zur Zonengrenze.

Ein gelber Strich quer über der Straße, Jubelschreie der Erlösung, Tränen der Freude, die Qual der Unsicherheit, die erst mit diesem Zeichen der Freiheit, vorbei war.

Die Busse hielten einige Meter vor dem Empfangskomitee des Deutschen Roten Kreuzes, das uns mit heißem Tee, Gebäck und Zigaretten empfing.

Mit 4 modernen Reisebussen, Panoramascheiben und Polstersesseln, ging es dann durch Dörfer und Städte entlang der Zonengrenze nach Friedland.

Der Fahrer bat uns, die Fenster trotz der kalten Jahreszeit zu öffnen, da uns bei der Durchfahrt durch die Ortschaften viele Geschenke hereingereicht würden. Bis zu den Knien reichten uns, bei der Ankunft in Friedland, die Keksschachteln, Apfelsinen, Bananen, Zigaretten, Pralinen und all die Dinge, welche die Verbundenheit und Anteilnahme von vielen Menschen an unserem Schicksal zeigen sollten.

Helfer in Friedland mußten erst alle diese Liebesgaben und Spenden, in großen Kartons, zum allgemeinen Gebrauch, in die einzelnen Unterkunfträume verteilen, ehe wir aussteigen konnten.

Telefonisch konnten wir uns dann bei unseren Angehörigen melden und auch Telegramme aufgeben.

Kurt hatte einen leiblichen Vater in Mannheim. Diesem schickte ich ein Telegramm er solle zwecks Ausreisegenehmigung ein fingiertes Telegramm nach Jena schicken.

+++ Vater liegt im Sterben, sofort kommen +++.

Drei Tage dauerte noch die Prozedur der Aufnahme, dann

war ich wieder daheim.
Ein Alptraum hatte sein Ende.